Samstag, 10. Oktober 2026

When People run in circles...

Vor einem Vierteljahrhundert erschien einer der ersten Kultfilme des neuen Millenniums

Szene aus 'Donnie Darko', mit KI etwas verfremdet
Als Richard Kellys Regie-Debüt DONNIE DARKO im Oktober 2001 in die US-Kinos kam, hatte das Publikum in den Staaten wenig Interesse an Weltuntergangsvisionen und düsteren Paralleluniversen, die durch Katastrophen ausgelöst werden, bei denen Flugzeugteile in Gebäude knallen. Durch ein cleveres Marketing und kreativen Konzepten in den beiden noch relativ jungen Medien Internet und DVD mit der Möglichkeit umfangreichen Bonusmaterials entwickelte sich DONNIE DARKO trotzdem zum Kultfilm. 

Was 2001 als unglückliches Timing erschien, wirkt aus heutiger Perspektive überraschend vorausschauend, nimmt der Film doch einiges von der Atmosphäre nach 9/11 vorweg. Wie ein Zeitreise-Coming-of-Age-Science-Fiction-Mystery-Drama einige popkulturelle Trends setzte, die noch heute erfolgreich sind - und einen veritablen Mandela-Effekt auslöst.



Daß die 1980er Jahre in puncto Popkultur die vielleicht fruchtbarste und kultigste Dekade überhaupt waren, dessen wurde man sich schon Ende der 90er bewußt. Einer der ersten Filme, der die Achtziger-Nostalgie zelebrierte, war 1998 THE WEDDING SINGER (Eine Hochzeit zum Verlieben). In dieser Zeit gab es auch bereits einige Hommagen an Horrorfilme der 80er. Allem voran natürlich Wes Cravens SCREAM von 1996, der das Horrorgenre allgemein wieder belebte. DONNIE DARKO war der erste Film, der sich auf die 80er als Dekade des Horrors besann und seine Handlung auch in den 80ern ansiedelte, und nahm damit vor einem Vierteljahrhundert schon vieles von dem vorweg, was Stranger Things später zu einer der erfolgreichsten Serien und Streaming-Phänomene machte. 

Dementsprechend baute Richard Kelly zahlreiche Eastereggs ein. Gleich zu Beginn sieht man Donnies Mutter einen Roman von Stephen King lesen. Im Kino sehen sich Donnie und seine Freundin Gretchen THE EVIL DEAD von 1981 an. Die Handlung spielt kurz vor und an Halloween. Und schließlich erinnert das Auftauchen von Frank sehr an die Figur von Jack in AN AMERICAN WEREWOLF IN LONDON, ebenfalls von 1981. Er erscheint ebenfalls während einer Kinovorführung und fordert den Protagonisten zu einem Opfer auf. Bei all dem ist DONNIE DARKO aber kein Horror-Revival, das einfach nur Klischees und -Konventionen feiert, sondern geht in eine Tiefe, die populäre Horrorfilme selten anstreben.

Worn-out places, worn-out faces

Während Teenager in Filmen der 1980er Jahre meistens festgelegten Klischees entsprachen - der Nerd, der beliebte und sportliche Mobber, die Ballkönigin, etc. - zeichnet DONNIE DARKO ein vielschichtigeres Bild. Richard Kelly hat den Mut, seinen Protagonisten nicht als reinen Helden zu gestalten, oder als reinen Verlierertypen, der durch Mitleid Sympathie gewinnt. Donnie ist als Figur zwar nachvollziehbar und menschlich, wirkt oft aber auch etwas gestört und gewalttätig. Er hat eine diagnostizierte paranoide Schizophrenie, und der Film zeigt, wie seine Psychologin und auch seine Familie eher auf Psychopharmaka setzen als darauf, Ursachen zu erforschen und zu behandeln. 1988, dem Jahr, in dem der Film spielt, wurde in den Staaten Prozac auf den Markt geworfen und zur "Happy Pill" einer ganzen Generation. Donnie begeht einige fragwürdige Akte von Vandalismus im Verlauf des Films, bei denen er teilweise übermenschliche Kräfte zeigt, letztlich geht es sogar um Suizid, und der Film thematisiert hier unterschwellig den Zusammenhang der Behandlung von psychischen Krankheiten und Gewalttaten. Tatsächlich wurde Prozac später mit einer gesteigerten Suizidalität in Verbindung gebracht. 

Durch die Schizophrenie des Protagonisten ergibt sich die die gesamte Handlung durchziehende Frage, ob das, was Donnie sieht und erlebt, wirklich komplett der Realität entspricht. Kelly veröffentlichte ein Buch zu seinem Film, in dem er seine "Philosophie der Zeitreise" zu erklären versuchte. Meiner Meinung nach tut das dem Film nicht wirklich einen Gefallen. Die Faszination von DONNIE DARKO liegt gerade in der Ambivalenz und darin, daß jeder Zuschauer eine eigene Interpretation finden muß. 

No tomorrow, no tomorrow

Natürlich kann der Film aber auch als Science-Fiction-Film gesehen werden, der reale Zeitphänomene beschreibt. Auch hier steht der Film ganz am Anfangs eines Trends innerhalb von Science-Fiction-Filmen, bei denen Zeitreisen nicht rein physisch durch technische Vorrichtungen bewerkstelligt werden, sondern durch eine Art mentale Zeitreise oder einer genetischen Anomalie, bei der das Gehirn die eigentliche Zeitmaschine ist. Diesem Trend folgten dann Filme wie BUTTERFLY EFFECT (2004), THE JACKET (2005) oder ABOUT TIME (2013), aber auch Romane wie The Time Travellers Wife (2003) oder die deutsche Edelstein-Trilogie. 

Gleichzeitig folgt der Film dem Konzept von Zeitschleifen und landet am Ende wieder dort, wo er angefangen hat. Dieses Konzept wurde durch den Film GROUNDHOG DAY (Und täglich grüßt das Murmeltier) 1993 populär und seitdem auch in ernsthaften Sci-Fi-Filmen durchgespielt.* Neun Jahre nach DONNIE DARKO wirkte Jake Gyllenhaal erneut in einem Zeitschleifenfilm mit: SOURCE CODE. Ein Film, der zudem technische und mentale Zeitreisen miteinander verband.

Eine der Haupt-Faszinationen von Zeitreisegeschichten ist die Frage des freien Willens. Können wir wirklich aktiv Entscheidungen treffen und die Zukunft verändern, oder ist all unser Tun untrennbar mit der Kausalkette aller physischen Ereignisse um uns herum verwoben? Mit dem Phänomen der liquid spears, die Donnie wie physisch sichtbare Vektoren sehen kann, spielt der Film mit dem Gedanken, daß unsere Handlungen einem vorbestimmten Muster folgen. Auch Donnie folgt seinem Vektor, der ihn zu einer Waffe führt, die im weiteren Verlauf eine tragische Rolle spielt.

Going nowhere, going nowhere

Neben einem psychologischen und einem Science-Fiction-Aspekt hat der Film aber auch noch eine politische Dimension, und die ist in Anbetracht seiner Entstehungszeit ebenfalls sehr interessant. Gleich das erste Gespräch im Film am Tisch der Familie Darko dreht sich um den Wahlkampf Bush gegen Dukakis 1988. Dieser Wahlkampf galt als einer der ergebnis-offensten seit 20 Jahren, da erstmals kein Präsident zur Wiederwahl stand. Dementsprechend waren viele Hoffnungen damit verknüpft, und danach naturgemäß viele Enttäuschungen. 

Mit der Figur des Jim Cunningham - verkörpert durch Patrick Swayze, der beeindruckend gegen sein Frauenschwarm-Image anspielte - spiegelt sich die nationale Politik auch in der Kleinstadtwelt des Filmes. Die Verkaufsshows, die Motivations-Guru Cunningham vor einer fanatischen Fangemeinde abhält, um seine unterkomplexe Ratgeberliteratur zu verkaufen, erinnern an den Zirkus von US-Wahlkampfveranstaltungen. Im späteren Verlauf entdeckt Donnie bei einem Einbruch in Cunninghams Haus, daß der verbotenes, pornografisches Material produziert und vertreibt. Auch hier spiegelt sich das Große im Kleinen, wenn man sich an Enthüllungen der letzten Zeit erinnert. Die Verquickung der US-Politik mit einer instrumentalisierten Religion wird so ebenfalls unterschwellig kritisiert. Der Guru Cunningham, der vermeintliche Heilung verspricht und verkauft, entpuppt sich als krimineller Blender, während es Donnie als Underdog ist, der sein Umfeld durch ein Opfer rettet (zumindest wenn man der Sci-Fi-Linie des Films folgen will).

Dabei hat es eine gewisse Ironie, daß der Film eher eine pessimistische und fatalistische Grundstimmung hat, die im Film dargestellte Zeit aber eigentlich den Beginn einer Epoche markiert, die vielen als besonders hoffnungsvoll und friedlich erschien - mit dem Mauerfall und dem scheinbaren Ende des Kampfes der Ideologien ein Jahr später. Eine weitere Ironie ist, daß er genau zu dem Zeitpunkt herauskam, in der diese Epoche für viele endete, mit den traumatisierenden Bildern von 9/11. Mit seinem Bild von Führerfiguren, die Hoffnungen und Emotionen für ihre Zwecke missbrauchen, sowie dem Gefühl, nach einer surreal wirkenden Katastrophe in einer düsteren Version der Geschichte gelandet zu sein, die von dunklen Kräften gesteuert wird, nahm der Film einiges von der Stimmung nach dem 11. September 2001 vorweg.

... it's a very, very Mad World

Ein Film, der Spekulationen und Interpretationen herausfordert, war wie gemacht für das noch junge world wide web und die aufkommenden Diskussionsforen. Die kreativ-verschachtelte, interaktive Website des Films ist archiviert noch verfügbar. Stark promotet wurde der Film auch durch seinen Eighties-Soundtrack, mit dem er ebenfalls Trends setzte.

Wie bei vielen anderen Filmproduktionen erwiesen sich dabei auch hier Widrigkeiten beim Dreh im Nachhinein als Glücksfall. Für seine Montage gegen Ende des Films wollte der Regisseur eigentlich die Ballade MLK von U2 verwenden, die von Martin Luther King, dessen Tod und Vermächtnis handelt. Diese hätte dem Film einen zusätzlichen - vielleicht auch zu offensichtlichen - politischen Subtext verliehen. Die Rechte daran sprengten aber das Budget des Films, und so verwendete man eine Balladen-Coverversion des Hits Mad World der britischen Synthpop-Band Tears for Fears - mit durchschlagendem Erfolg!

Nach dem Start des Films in Großbritannien Ende 2002 landete die Coverversion von Mad World drei Wochen lang auf Platz 1 der britischen Charts. Der Song lief auch auf deutschen Radiostationen rauf und runter und promotete den Film ungemein. Auch die Lyrics des Songs, die von den Gefühlen eines Kindes am ersten Schultag handeln, passen wesentlich besser zu einem Coming-of-Age-Film als MLK. Tears for Fears, von denen auch der Song Head over Heals im Film verwendet wird, verarbeiteten in ihren Texten oft eine schwierige Kindheit und Konzepte der Psychologie, wie etwa die Primär-Therapie, auch Urschrei-Therapie genannt, die ihren Hit Shout inspirierte. Auch dieser Hintergrund passt perfekt zum Film.

Auch damit setzte DONNIE DARKO einen Trend, der bis heute anhält. Viele Filme verwenden seither als Balladen neu interpretierte Pop- und andere Songs. Vor allem in Trailern ist das zu einer weit verbreiteten Mode geworden. Auch die Mischung aus Montagen und Kamerafahrten zu eben jener Balladen-Coverversion, mit der der Film gegen Ende noch einmal alle Filmcharaktere zeigt, wurde seitdem oft kopiert. Zuletzt in WEAPONS (2026). Ein Trend, der mittlerweile sogar in Fernsehfilmen und -Serien angekommen ist.

2004 veröffentlichte Richard Kelly einen Director's Cut, in dem er viele Lieder einbaute, die er aus Budgetgründen ursprünglich nicht verwenden durfte. 



DONNIE DARKO erwies sich als Durchbruch für den US-amerikanischen Schauspieler Jake Gyllenhaal. In einem Besetzungscoup wurde seine Schwester Maggie auch als seine Filmschwester besetzt, und auch ihre Karriere wurde durch den Film gepusht. In ungewöhnlichen Nebenrollen glänzen Patrick Swayze und Drew Barrymore, die den Film auch produzierte. 

Die Karriere von Regisseur Richard Kelly startete nach seinem furiosen Debüt leider nicht ganz so durch wie die seines Hauptdarstellers. Filme wie SOUTHLAND TALES oder THE BOX stießen auf ein geteiltes Kritikerecho. Immerhin sprach er oft über Pläne für eine Fortsetzung, die 14 Monate nach der Handlung des ersten Films spielen soll. Laut Angaben in diesem Jahr soll das Sequel tatsächlich in Produktion gehen. Zu wünschen wäre, daß wenigstens diese Fortsetzung in Deutschland in die Kinos kommt, denn das war bei DONNIE DARKO nicht der Fall. Zumindest, wenn man wikipedia glauben will. Ich könnte nämlich schwören, daß ich den Film im Kino gesehen habe. Mandela läßt grüßen. Vielleicht war das aber auch nur in einem Tangenten-Universum...


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* Fairerweise muß man anmerken, daß das Konzept von Zeitschleifen vor GROUNDHOG DAY bereits durch einige sehr gelungene Folgen von Star Trek - The Next Generation populär wurde, wie etwa Time Squared, Cause and Effect und Déjà Vu.

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