Samstag, 17. Oktober 2026

Zerrissener Vorhang, vereinigte Kritiker

Vor 60 Jahren lief die 50. Spielfilm-Regie von Alfred Hitchcock in den deutschen Kinos: TORN CURTAIN (Der zerrissene Vorgang, 1966). Durch die beiden Topstars Paul Newman und Julie Andrews wurde der Film zwar zu einem Box-Office-Erfolg (und vermutlich auch durch das Presse-Echo auf das Jubiläum, das auch schon so manchem durchschnittlichen Bondfilm zu überdurchschnittlichem Erfolg verhalf), rief bei Kritikern aber eher ernüchterte Reaktionen hervor. Kritisiert wurden neben mangelnder Glaubwürdigkeit und Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern vor allem eine unglaubwürdige Konstruktion der Geschichte und eine teils grob ungenaue, fast schon schlampig wirkende Darstellung der deutsch-deutschen Realitäten der 1960er Jahre. 

Obwohl man letzteres eher Universal Pictures als dem Regisseur anlasten sollte, da durch die Gagen für Newman und Andrews nicht mehr viel Budget für Dreharbeiten vor Ort übrig war, schaffte der Film damit unfreiwillig etwas, was wenigen Spionagethrillern dieser Zeit gelang: Er vereinigte Kritiker auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs in ihrem Urteil. Wie Hitch in die Mühlen deutsch-deutscher Presse-Grabenkämpfe geriet - und am Ende selbst zerrissen wurde.


Die Ungenauigkeiten in der Darstellung der DDR waren für Kritiker östlich der Mauer natürlich ein gefundenes Fressen, um den im Westen gefeierten Regisseur zu diskreditieren.

So schrieb etwa ein "H.K." - ein Kürzel, hinter dem sich der Kritiker Horst Knietzsch verbarg -  im Neuen Deutschland Ende November 1966 unter der Überschrift Heißer Krieg im Kino:

Hitchcocks Leichen sind die besten. Mit diesem Renommierspruch hat sich ein Mann behängt, der im westlichen Filmgeschäft als Spezialist für Gruselfilme gilt. Dieser Alfred Hitchcock, dollarbestückter Kinosadist mit leicht vertrotteltem Habitus, drehte jetzt den Film "Der zerrissene Vorhang". In diesem Werk spielt die DDR die Hauptrolle. Da Hitchcock zu wissen glaubt, was seine Kunden von ihm erwarten, wollte er ihnen diesmal mit der DDR und ihren Bürgern das Gruseln beibringen. Darüber geriet er ins Stolpern. Zum ersten Male mußte er seiner schablonengepreßten Fließbandproduktion einen nachprüfbaren Hintergrund geben. Aber Hitchcock blieb sich treu. Er bastelte eine DDR ins Hollywood-Atelieur, die dem Illustrierten- und Groschenblätterbild westlicher Druckart aufs Haar glich. 

Die Auswirkungen waren umwerfend, im buchstäblichen Sinne. Es war, als habe Hitchcock aus der Pyramide seiner Gruselwerke den Grundstein weggeschlagen. Die westdeutsche Filmkritik von Hamburg bis München geriet in heillose Verwirrung. Beim Entdecken der DDR erwies sich der Meister urplötzlich als Dilettant. Selbst den Hitchcock-Fanatikern wurde plötzlich klar, welch trübe Brille er ihnen über die Jahre auf die Nase gesetzt hatte. Und die Rotationsmaschinen heulten auf - zur eigenen und zur Ehrenrettung des Traumfabrikanten. 

Über eine ganze Seite versuchte zum Beispiel die Hamburger "Zeit" nachzuweisen, daß hier nicht Dummheit und politisches Ignorantentum, sondern ästhetische Raffinesse am Werk war. Und selbst für sadistische Szenen, in denen der heiße Krieg gegen Bürger der DDR bereits geführt wird, werden Argumente gesucht.

Der Westberliner "Tagesspiegel"-Kritiker, nicht gar so weit von der DDR entfernt, faßte Mut und näherte sich der Wahrheit. Wenn man diesen Film sieht, so meinte er, "ist es aus mit ein paar vergnügten Stunden, da fühlt man sich, wenn man sich mit einem völlig verzerrten Bild der deutschen Wirklichkeit konfrontiert sieht, zum Widerspruch geradezu herausgefordert. ... Wie das ostdeutsche Regime und seine Vertreter gezeichnet werden, das zeugt von Ahnungslosigkeit sondergleichen. ... Die Volkspolizisten laufen ständig mit umgehängten, wenn nicht gar schußbereiten Gewehr einher. Die Forscher, denen es an der Leipziger Universität das Geheimnis wissenschaftlicher Forschung zu entlocken gilt, sind zumeist liebenswerte senile Gestalten. Nur entspricht dieses Bild nicht der ostdeutschen Wirlichkeit. Man unterschätzt die Möglichkeiten der 'DDR', man überschätzt die Möglichkeiten ihrer Gegner und begibt sich so jeder Glaubwürdigkeit."

Hitchcocks Filmgespinst ist kein Einzelfall. Allein in den letzten Monaten sind ein halbes Dutzend solcher Machwerke in den westdeutschen Kinos erschienen, in denen der Krieg gegen die DDR bereits geführt wird. Zusammen mit den zahllosen militärischen Aufmöbelungsstreifen ergeben sie genau jenes braune Zelluloid-Ragout, in dem die faschistische NPD und ihre CDU/CSU-Amme mit ganzer Kraft rühren. Und das nicht zum Spaße.


Damit war man sich mit einigen wenigen Ausnahmen mit Kritikern im Westen einig. So urteilte etwa die Münchner Abendzeitung: "Auch der Meister aller Klassen kocht ab und zu mit Wasser". Das Lexikon des internationalen Films stellte eine oberflächliche und naive Zeichnung des mitteldeutschen Niveaus fest, sowie eine spannungslose Inszenierung. 

Dabei macht die DDR-Kritik etwas, was man heute sehr oft in sogenannten sozialen Medien beobachten kann: Anhand eines schwächeren Werkes wird die gesamte Karriere eines Regisseurs in Frage gestellt. Was Knietzsch noch so poetisch mit "welch trübe Brille er ihnen über die Jahre auf die Nase gesetzt hatte" ausdrückt, heißt heute einfach "overrated". Da wird etwa ein Christopher Nolan zum "meistüberschätzten Regisseur" der Gegenwart, nur weil man OPPENHEIMER langweilig fand. Vermutlich erreicht jeder Regisseur irgendwann diese Phase, bevor seine Filme dann Jahre nach seinem Ableben als ihrer Zeit voraus gelten.

Die einzige echte Darstellung der DDR zeigt den Gendarmenmarkt und
das Brachland daneben, aufgenommen vom Springer-Hochhaus

Im Dezember 1966 unterstellte das ND dem "Hetzfilm" sogar, in Zusammenarbeit mit dem Außenministerium in Washington entstanden zu sein. Daß US-Militär und -Politik Filmproduktionen unterstützen, ist mittlerweile ein offenes Geheimnis, siehe TOP GUN, ARGO oder IRON MAN. Das für TORN CURTAIN anzunehmen wäre aber wohl etwas zu viel der Ehre. Es wäre dem Film sogar eher zu wünschen gewesen, aus dieser Richtung finanzielle oder andere Unterstützung zu erhalten, denn durch die budget-bedingten Einsparungen bei Drehorten und Script-Development erreichte der Film das komplette Gegenteil eines Propagandafilms - nämlich daß westliche Kritiker eher mit der DDR sympathisierten und sie gegen eine klischeehafte Darstellung verteidigten.

Anlässlich des Starts von TOPAS ein paar Jahre später attestierte das Neue Deutschland dem "Methusalem des bürgerlichen Kriminalfilms [...] auf dem Weg in die Senilität" noch einmal, in Hollywood "auf den Hund gekommen" zu sein und jeder Mode zu folgen, und die sei nun eben, "antikommunistische" Machwerke zu produzieren.

Eine große Ironie hatte es dabei, daß Wolfgang Kieling, der heimliche Star von Der zerrissene Vorhang, später selbst zum Überläufer wurde. Erschüttert unter anderem vom US-Vorgehen in Vietnam und dem Wirken der Springer-Presse siedelte er aus Protest 1968 in die DDR über. Die Freude der DDR-Presse darüber währte allerdings nicht lange, denn er hielt es nur bis 1970 dort aus.

Der bürgerliche Kassenfilmer Hitchcock fand später in der DDR doch noch Gnade und Anerkennung. Mit dem 'Filmminister' Horst Pehnert wurden Anfang der 1980er Jahre die Importbedingungen für Filme aus dem kapitalistischen Ausland gelockert. Neben Kassenschlagern wie Flammendes Inferno und Spiel mir das Lied vom Tod im Kino hatten auch zahlreiche Hitchcock-Filme ihre Premiere im Fernsehen der DDR. Darunter sogar Agentenfilme wie Die 39 Stufen, Berüchtigt oder Der unsichtbare Dritte. Auch einige Folgen von Alfred Hitchcock zeigt wurden nachsynchronisiert und ausgestrahlt. 1984 lief mit dem Krimi Klassenkameraden sogar eine sehr offensichtliche Hitchcock-Hommage im DDR-Fernsehen, bei der ein Portrait des Meisters im Schaufenster eines Foto-Ateliers steht.

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Eingangsbild: Hitchcock auf Durchreise in Kiel 1966 (Kieler Stadtarchiv/Wikimedia Commons)

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