Donnerstag, 17. September 2026

Enterprise trifft Orion


Raumschiff Orion und Enterprise im All
Vor 60 Jahren starteten mit Abstand von etwas mehr als einer Woche zwei Serien, die eine ähnliche Idee verfolgten und damit Fernsehgeschichte schrieben: Am 8. September 1966 Star Trek im US-Fernsehen, am 17. September Raumpatrouille - Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion im Deutschen Fernsehen. Beide erzählen ein "Märchen von Übermorgen", das mehrere hundert Jahre in der Zukunft spielt und von der Weltraum-Erforschung einer friedlich vereinigten Menschheit und deren Begegnung mit außerirdischen Zivilisationen handelt. In beiden Fällen bewältigten die Macher mit enormer Kreativität ein begrenztes Budget. Doch trotz aller Gemeinsamkeiten zeigen sich auch bemerkenswerte Unterschiede - die zum Teil auch in der Mentalität und der Geschichte der Länder begründet sind, in denen sie produziert wurden. 



Sowohl Star Trek als auch Raumpatrouille stellten einen recht ähnlichen Charakter in den Mittelpunkt: Ein attraktives Schlitzohr, daß zwar innerhalb des futuristischen Raumflottensystems Karriere gemacht hat, aber immer wieder durch Regelverstöße aneckt und als schwierig gilt. Captain James Tiberius Kirk (William Shatner) etwa hat den als unlösbar geltenden Kobayashi-Maru-Test ebenso regelwidrig wie kreativ absolviert, während Comander Cliff Allister McLane (Dietmar Schönherr) ein als unmöglich geltendes Landemanöver verbotenerweise bewältigt, wofür er zur "Raumpatrouille" abkommandiert wird und eine attraktive Aufpasserin vor die Nase gesetzt bekommt.

Durch diese Figur des sympathischen Rebellen konnte man die oft sehr trocken und abgehoben wirkende Exposition in Science-Fiction-Geschichten - Stichwort: Technobabble - ironisch brechen und für Normalzuschauer zugänglich machen, und zusätzlich ein komödiantisches Element in die Dialoge einbringen. Etwas, das in der ursprünglich geplanten und bereits 1965 produzierte Star-Trek-Pilotfolge Der Käfig noch gar nicht der Fall war. Der von Jeffrey Hunter dargestellte Captain Pike war ein kriegstraumatisierter kühler Rationalist, der Schwerpunkt eher Mystery-Drama als Abenteuerkomödie. Ob Star Trek in dieser Ausrichtung auch zum Kult geworden wäre, ist eine spannende Frage.

Ein weiterer Vorteil der Rebellenfigur war, daß seine Mannschaft von Befehlsempfängern und Stichwortgebern zu einer eingeschworenen kleinen Familie von Underdogs wurde. Bei Star Trek stach vor allem das Dreigestirn Captain Kirk, Erster Offizier Spock und Schiffsarzt "Pille" McCoy heraus. Situationskomik und Wortwitz entstanden hier durch die völlig gegensätzlichen Charaktere. Bei Raumpatrouille erinnerte die Konstellation zwischen raubeiniger Crew und ebenso attraktiver wie strenger Aufpasserin noch mehr an klassische Screwball-Komödien. (Bei Star Trek gab es diese Konstellation interessanterweise später in der Serie Enterprise mit der Vulkanierin T'Pol.)

Von Geiselgasteig in die Galaxis

Eine weitere Gemeinsamkeit besteht in der heute legendären Kreativität, mit der man mit den für eine Science-Fiction-Produktion recht überschaubaren Budgets umging. Bei Star Trek erwiesen sich die Landungen von Shuttles in jeder Folge als zu teuer, weswegen man auf die geniale Idee kam, Menschen einfach auf Planeten runter zu "beamen" - eine Notlösung, die zum Alleinstellungsmerkmal wurde. 

Bei der Bavaria recycelten die Tricktechniker unter Leitung des legendären Produktionsdesigners Rolf Zehetbauer alle möglichen Alltagsgegenstände zum Inventar der Orion. Legendär sind Bügeleisen, Bleistiftanspitzer oder Wasserhähne in den Raumschiffarmaturen. Für den Start der Orion aus einer Unterwasserbasis filmte man eine Alka Seltzer andersherum und kopierte das Schiffsmodell davor. Als Boden der Basis diente der Münchner Königsplatz. Drehorte für fremde Planeten waren eine Pechkohle-Halde, ein Golfplatz oder Schloß Höhenried am Starnberger See. Die Aufnahmen von Fischen im Hintergrund des 'Starlight Casinos' stammten aus dem Berliner Zoo. 

Der Start der Orion vom Meeresgrund wurde zu einem Alleinstellungsmerkmal für Raumpatrouille, ähnlich wie das Beamen für Star Trek. Man entschied sich für eine Unterwasserwelt, weil die Umgebung von München damals viel zu wenig futuristisch aussah. Beim Königsplatz nutzte man auch nur die Steinfläche aus einer Vogelperspektive. Nur sieben Jahre später wäre das schon etwas anders gewesen. Mit dem Olympiapark entstand 1972 eine futuristische Szenerie, die man für den US-Science-Fiction-Thriller ROLLERBALL nutzte, ebenso wie das 1973 fertiggestellte BMW-Hochhaus. Ganz zufrieden waren die Orion-Tricktechniker mit dem Ergebnis nicht, denn die einkopierten Fische wirkten viel zu groß. (Eine Erklärung wie in DR. NO durch vergrößerndes konvexes Glas gibt es hier nicht.)

Dabei hatte Raumpatrouille ein Budget von ca. 360.000 D-Mark pro Folge, was beim damaligen Kurs rund 90.000 US-Dollar entspricht. Star Trek hatte in der ersten Staffel ein Folgenbudget von ungefähr 190.000 Dollar, also mehr als das Doppelte. Dafür schlägt sich Raumpatrouille meiner bescheidenen Meinung nach extrem gut! Ich finde manche Trickaufnahme sogar überzeugender als bei Raumschiff Enterprise. Auch hier erzielte man einen überzeugenden Effekt von fliegenden Sternen, indem man jeden Stern einzeln an Fäden in einem schwarz ausgekleideten Raum aufhängte und mit der Kamera hindurch fuhr. 

Etwas überzeugender finde ich auch die "Extraterristen", in Form der Rasse der "Frogs", auch wenn man sich hier weniger weit aus dem Fenster lehnte wie Star Trek. Man löste das Problem hier nicht durch Maskenbildnerei und Anzüge, sondern durch rein optische Effekte. Schauspieler wurden in per Bluescreen in die Länge gezogen und mit einem Glitzern überzogen. Zusätzlichen Reiz erhalten die Frogs dadurch, daß ihr Wesen nie ganz aufgeklärt wird. Sind es Energiewesen oder Humanoide in speziellen Anzügen?

Insgesamt finde ich das Produktionsdesign von Raumpatrouille sehr gelungen. Es weist einen einheitlichen Stil mit einer metallischen Optik und teils spitzen Formen auf, im Gegensatz zu den in den 60ern oft eher rundlichen Formen. Zum Teil erinnert es mich sogar etwas an die expressionistischen Kulissen des deutschen Stummfilms. 

Am Rande der Unendlichkeit

Es gibt einige erstaunliche Parallelen in der Schilderung der Zukunft bei Star Trek und Raumpatrouille. Angefangen bei einer vereinigten Menschheit, in der Nationalstaaten und Rassismus überwunden sind. Die Schiffsbesatzung ist international, was sich bei Raumpatrouille allerdings nur in den Charakternamen widerspiegelt. In puncto Gleichberechtigung der Geschlechter war Raumpatrouille sogar noch etwas weiter, denn man sieht hier sogar weibliche Generäle und Vorgesetzte von McLane. Die Ur-Pilotfolge von Star Trek, Der Käfig, zeigte immerhin einen weiblichen ersten Offizier, was den Produzenten jedoch nicht gefiel. 

Auch die Technik ähnelt sich. So gibt es etwa einen Zentralcomputer im Raumschiff, und das Essen scheint auch auf der Orion aus einer Art Replikator zu kommen.

Bemerkenswerte Unterschiede gibt es allerdings in einigen alltäglichen Details. So ist die Menschheit bei Raumpatrouille auch in tausend Jahren nicht so rational und vernünftig geworden, daß man bei geselligen Anlässen auf Alkohol verzichten würde. Im Starlight Casino wird problemlos Cognac und Whiskey ausgeschenkt, mit denen man auf erfolgreiche Missionen anstößt. Und es existiert eine Zentralwährung in Form von Krediten.

Interessant sind kulturelle Einflüsse der jeweiligen produzierenden Länder. Star Trek spielt schon im Titel auf die Besiedelung des amerikanischen Westens an, während das Wort Patrouille eher ein militärischer Begriff ist und Grenzen assoziiert. Während die 'Final Frontier' bei Star Trek eine Grenze ist, die man durch Neugier und Offenheit stetig zu verschieben sucht, ist die Front bei Raumpatrouille eine zu sichernde Abgrenzung gegenüber dem Feindlichen. Dementsprechend ist auch der Blick auf außerirdische Zivilisationen verschieden. Ist Star Trek von einer prinzipiellen Offenheit gegenüber dem Fremden geprägt, die vom Schöpfer Gene Roddenberry propagiert wurde, werden außerirdische Zivilisationen bei Raumpatrouille ersteinmal als Bedrohung eingestuft. 

Das und ein streng hierarchisch und militärisch aufgebautes Raumfahrtbehördensystem führte sogar zum Vorwurf, die Serie sei 'faschistoid', und sei deshalb nach sieben Folgen eingestellt worden. Tatsächlich erinnern die Diskussionen der Generäle oft etwas an DR. STRANGELOVE. Man sollte aber bedenken, daß es mit dem von Friedrich Joloff (dem Synchronsprecher von Joseph Wiseman in DR. NO) verkörperten General Villa durchaus einen eher bedachten, fast schon pazifistischen Charakter innerhalb der Führungsriege gibt, der die Frogs erst erkunden möchte, bevor man zurückschlägt. Außerdem wirkt auch die Sternenflotte in Star Trek sehr militärisch und hierarchisch, sobald es um echte Bedrohungen geht. Man hat sogar einen eigenen Geheimdienst.

Was gestern noch wie ein Märchen klang...

... klingt heute immer noch wie eins. Und fast noch mehr als vor 60 Jahren. So könnte man es ernüchtert formulieren. 

1966 erschien die Eroberung des Weltraums als eine folgerichtige Entwicklung. Die Fortschritte im Rennen ins All waren Schlag auf Schlag erfolgt. Der erste Mensch im All 1961, das erste Rendezvous zweier Raumschiffe 1962, der erste freischwebende Mensch im All 1965 und schließlich im Februar 1966 die erste unbemannte Mondlandung. Obwohl all die genannten Meilensteine von der Sowjetunion erreicht wurden, sprach absolut nichts dagegen, dass man bei derselben Geschwindigkeit des Fortschritts im Jahr 2001 bemannte Jupitermissionen unternehmen würde, und in 200 oder tausend Jahren Antriebe hätte, mit denen man das Sonnensystem verlassen und außerirdische Zivilisationen treffen könnte.

Aus heutiger Sicht wird klar, daß man Fortschritt nicht einfach unbegrenzt in die Zukunft extrapolieren kann, auch wenn er noch so rasant erscheint. Vielleicht eine Lehre in Bezug auf unsere Vorstellungen über KI beispielsweise? Aber was genau lief eigentlich schief auf dem Weg zu den Sternen? War es wirklich nur das Ende des Kalten Krieges, der das Wettrennen ins All als zu teuer und zu utopisch erscheinen ließ? Selbst Milliardäre scheinen heute enorme Probleme dabei zu haben, die damaligen Erfolge von NASA und der sowjetischen Raumfahrt zu wiederholen.

Ironischerweise träumten sowohl Star Trek als auch Raumpatrouille von einer Zukunft ohne Nationalstaaten, und damit ohne Kalten Krieg - ohne sich bewußt zu sein, daß gerade der Kampf der Systeme die Raumfahrt weit mehr beflügelt hatte als eine friedliche Zusammenarbeit. Vielleicht war das Konzept feindlicher außerirdischer Zivilisationen und ein Kalter Krieg im All in Raumpatrouille in diesem Zusammenhang gar nicht so abwegig.

Rücksturz einleiten!

Warum die Serie nie fortgesetzt wurde ist genauso Gegenstand vieler Spekulationen wie die Frage, ob es in Zukunft noch einmal Remakes oder Sequels geben wird. Einige der Macher betonten, daß die Geschichte einfach auserzählt war. Da einige Folgen, wie etwa Hüter des Gesetzes, schon etwas episodisches und gar nicht so sehr mit der Gesamt-Erzählung zu tun hatten, und es andererseits auch Romane gab, die im Orion-Universum spielen, erscheint das nicht so ganz schlüssig. In den 1990er Jahren gab es Gerüchte, Roland Emmerich hätte Interesse an einer Neuauflage der Serie. Leider wurde nie etwas konkret. Vielleicht ist es auch gut so. Eine Fortführung auf dem Niveau von Star Trek: The Next Generation oder Battlestar Galactica wäre immer noch sehr wünschenswert, ist im europäischen Raum aber wohl eher unrealistisch.

Was bleibt ist eine tolle, enorm mutige Serie, die seinerzeit im europäischen Raum einmalig war, und auf jeder Ebene mit US-Produktionen konkurrieren konnte. Das Zeug für einen jahrzehnte-übergreifenden Kult hatte Raumpatrouille auf jeden Fall. Vielleicht gibt es irgendwann doch noch den Rücksturz ins Fernsehen oder gar Kino. Unsere Zeit könnte eine Extraportion Utopie mehr als gebrauchen. 

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