Obwohl Wenn die Gondeln Trauer tragen nicht der erste Film war, der Venedig anders darstellte, ist es doch der bis heute berühmteste. Er gilt vielen Kritikern als der beste britische Film und hat deutliche Spuren in der Filmgeschichte hinterlassen, von den Bondfilmen (wo er sogar dreimal zitiert wird) bis hin zu MULHOLLAND DRIVE. Aber es ist auch eine meisterhafte Literaturverfilmung, und vieles in der komplexen Handlung des Films wurde mir durch die Lektüre von Daphne du Mauriers Vorlage klarer.
Der Film thematisiert Spiritualität und stellt einige interessante Fragen. Basiert sie auf der Realität und kann echten Trost geben, oder wird sie dazu benutzt, Menschen zu manipulieren? Es geht auch um die ewige Dualität zwischen weiblicher Intuition und männlicher Rationalität, hervorragend dargestellt durch Christie und Sutherland. Der Film läßt diese Fragen lange offen und bleibt ambivalent, präsentiert am Ende aber eine Antwort, die ebenso überraschend wie ironisch ist.
Ich hatte Wenn die Gondeln Trauer tragen in relativ jungen Jahren gesehen, im Zuge einer Phase, wo ich mir sämtliche Filmklassiker, "die man gesehen haben sollte", aus der Bibliothek ausgeliehen hatte. Die wenigsten dieser Klassiker wurden in diesen Erstsichtungen ihrem Ruf wirklich gerecht. Bei den meisten habe ich den Wert erst später erkannt. So auch bei diesem Film. Die Überraschung am Ende war im Prinzip schon vor dem ersten Ansehen verdorben, weil man das bei einem Film aus den 70ern natürlich schon mal irgendwo gehört hatte, und zudem ein Bild davon auf der Rückseite der Videokassette prangte.
Sehr gewonnen hat der Film für mich auch, wie schon erwähnt, durch die originale Erzählung dazu von der britischen Autorin Daphne du Maurier. Du Maurier hatte die Geschichte 1971 in der Sammlung Not After Midnight veröffentlicht und eher lauwarme Kritiken dafür erhalten. Man war Gruselgeschichten von der Cornwallerin, die für eher romantische Historiendramen bekannt war, nicht gewohnt. Interessanterweise hat der Film nicht eine Kurzgeschichte als Inspiration genommen und ausgeschmückt, wie das oft der Fall ist, sondern die Erzählung enthält bereits die gesamte Story, nur in verdichteter Form. Der Film entfaltet diese nur sehr gut, und nimmt einige kleine Änderungen vor, die der Geschichte aber sehr zugute kommen.
In der Erzählung verbringen John und Laura zum Beispiel nur einen Kurzurlaub in Venedig und sind nur Touristen in der Hauptsaison. Die dunkle Seite der Stadt zeigt sich eher nachts und in Seitengassen abseits des Trubels. Im Film ist John als Restaurator in Venedig, was die Gelegenheit gibt, die Stadt außerhalb der Saison in eher trübem Winterwetter zu zeigen. Das und der Umstand, daß John in einer Kirche tätig ist, unterstreichen das Hauptthema des Films sehr gut.
Ein weiteres Beispiel ist, daß ihre Tochter in der Erzählung an Meningitis stirbt. Im Film ertrinkt sie, was zum einen Wasser als visuelles Stilmittel etabliert, und zum anderen schon zu Beginn die Frage nach Johns außersinnlicher Wahrnehmung etabliert. Zusätzlich wird dadurch das Thema Trauer auch mit dem Thema Schuldgefühle verbunden.
Verständlicher wurde mir durch das Buch beispielsweise die berühmte Montage, die die leidenschaftliche Liebe zwischen Laura und John mit ihrem späteren Ankleiden verbindet. Was die Montage sehr schön verbildlicht, ist, daß durch die Begegnung mit den Schwestern Lauras Trauer verarbeitet scheint und sich ihre Ehe dadurch vorerst wieder normalisiert. Es ist ihr erster Sex seit dem Todesfall, und das Ankleiden symbolisiert den Rückkehr zum normalen Ehealltag.
Klar wird durch die Erzählung überhaupt auch erst der Filmtitel, der im Film genauso kryptisch bleibt wie vieles andere. Etwas überraschend ist der manchmal etwas lakonische Stil der Geschichte, der wohl auch britisches Understatement ist. Während der Film die finale Auflösung durch Rückblenden und Musik zelebriert, gibt es im Buch nur einen ironisch wirkenden Gedanken von John. Insgesamt schildert du Maurier die Gedankenwelt eines Mannes erstaunlich gut.
Kirche San Stae - hier wurde die Beerdigung gedreht
Daphne du Maurier war von der Verfilmung so begeistert, daß sie einen Brief an Regisseur Nicolas Roeg schrieb. Drei ihrer früheren Romane waren von Alfred Hitchcock verfilmt wurden, wovon ihr zwei Filme sehr missfielen - JAMAICA INN (1939), der tatsächlich weit hinter dem Buch zurückbleibt, und THE BIRDS (1963), der nur die Grundidee benutzte. Ironischerweise wurde Roeg von vielen Kritikern attestiert, in seinem Stil sehr von Hitchcock beeinflußt zu sein. Als Literaturverfilmung finde ich Wenn die Gondeln Trauer tragen aber auch so gelungen, daß ich ihn als Beispiel in Filmhochschulen zeigen würde. Auch cinematisch ist es ein Meisterwerk. Der Film zelebriert förmlich die Sinnlichkeit des Mediums Zelluloid.
Recht verblüffend sind die Parallelen des Films zu dem eingangs erwähnten italienischen Thriller Chi l’ha vista morire? (The Child - Die Stadt wird zum Albtraum), für mich der mit Abstand beste Film von George Lazenby außerhalb seines Bond-Auftritts. Auch hier versucht ein Ehepaar, den Verlust ihrer ertrunkenen Tochter in Venedig zu bewältigen. Und auch dieser Film ist visuell reizvoll und hat zudem eine sehr atmosphärische Musik von Ennio Morricone. Insgesamt passte das differenzierte Venedig-Bild als Symbol für Vergänglichkeit und drohenden Untergang wohl auch zum erwachenden Ökobewußtsein der 1970er.
Die herausragende Bildsprache des ehemaligen Kameramanns Nicolas Roeg, der für LAWRENCE OF ARABIA oder auch für die Bondparodie CASINO ROYALE arbeitete, inspirierte viele spätere Regisseure. Roeg schnitt beispielsweise eine kurze Szene, in der sich die beiden Schwestern einfach nur ausschütten vor lachen, in ein Gespräch zwischen John und Laura. Man weiß eigentlich gar nicht, worüber die Frauen lachen, aber in der Montage wirkt es, als lachen sie über die Manipulation von Laura. David Lynch benutzte eine sehr ähnliche Szene in seinem Meisterwerk MULHOLLAND DRIVE, wenn ein altes Paar, das der Protagonstin geholfen hat, später bei einem spöttisch wirkenden Lachen gezeigt wird.
Auch das James-Bond-Franchise zollte diesem Klassiker des britischen Kinos Respekt, wenn auch eher in parodistischer Form. In MOONRAKER (1979) ist ein Bestattungsboot zu sehen, ähnlich wie in DON'T LOOK NOW. Dort war es eine Vorahnung des Todes des Protagonisten, hier ist es buchstäblich beinahe die Beerdigung von Bond, denn aus dem Sarg erhebt sich ein Killer (mehr zu der Szene und dem Drehort auch hier). Über 25 Jahre später zitierte CASINO ROYALE den Film, wenn Bond Vesper, die ein auffälliges Rot trägt, durch die Gassen verfolgt. Die Szene in DON'T LOOK NOW, als Donald Sutherland in einer Kirche von einem Baugerüst fällt und sich nur noch an einem Seil festhalten kann - ein Stunt, bei dem er sich wirklich in Lebensgefahr brachte - erinnert vom Aufbau und der Art des Filmens dagegen sehr an eine Sequenz zu Beginn von QUANTUM OF SOLACE, in der Bond und ein Killer auch an einem Baugerüst in einer Kirche hängen, die gerade restauriert wird - ebenfalls in Italien. Eine interessante Kontinuität zum Vorgänger CASINO ROYALE.
Leider ist es oft so, daß ein Buch in der allgemeinen Wahrnehmung verblasst oder sogar fast verschwindet, sobald es verfilmt wird. Es liegt noch eine Weile in Buchhandlungen, meist mit dem Filmplakat auf dem Cover, und wirkt wie ein Merchandising-Artikel, aber irgendwann denken die meisten beim Titel nur noch an den Film. Die Verfilmung eines Buches ist so oft gleichbedeutend mit seiner Entwertung, als ob es nur so etwas wie ein ausgeschmücktes Drehbuch gewesen wäre. Deshalb möchte ich an dieser Stelle für beides werben: Die Verfilmung als auch die zugrundeliegende Erzählung. Beide sind auf ihre spezielle Weise großartig.

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