Amistad (1997)
Einer der Filme, zu denen ich mich wieder überwinden musste, aber er hat mir dann doch ziemlich gut gefallen. Die Inszenierung ist wie gewohnt sehr hochwertig, ebenso wie die schauspielerischen Leistungen. Nur den obligatorischen Schlussmonolog von Anthony Hopkins samt Happy End fand ich dann etwas zu erwartet und Hollywood-typisch. Insgesamt hat mich Matthew McConaughey mehr beeindruckt. Kritisieren kann man hier natürlich, ähnlich wie bei 'Schindlers Liste', daß die Opfer des historischen Unrechts hier nicht die Helden sind, sondern die typischen Hollywood'schen Männer. Und daß er trotz der Anklage nationaler Schuld letztlich doch ein Hoch auf die US-amerikanischen Werte darstellt. Immerhin hält sich Spielberg im Großen und Ganzen an den historischen Rahmen, anders als Kollege Ridley Scott mit seinem Freestyle-Fabulieren etwa.
Was mir hier etwas negativ aufgefallen ist, ist teilweise die musikalische Untermalung von John Williams, vor allem während des Schlussplädoyers von Hopkins. Die ganze Zeit dudelt pathetische Musik im Hintergrund, was auf mich wirkt wie eine ständig unter das Bild gelegte wehende US-Flagge. Und auf Dauer mich auch einfach gestört hat. John Williams ist ein großer Komponist, keine Frage, aber so eine Dauer-Untermalung empfinde ich nicht als dezent oder meisterhaft, vor allem wenn sie das Gesagte und Gezeigte quasi verdoppelt. Der Fachbegriff dafür ist wohl Mickymousing. Diese Szene steht für mich exemplarisch für das, was mich an Spielbergs Historienepen oft stört, daß die Emotionen des Zuschauers immer und mit allen filmischen Mitteln in eine exakt vorbestimmte Richtung gesteuert werden sollen. Bei Filmen wie E.T. stört mich das nicht, im Gegenteil, bei differenzierten und tiefergehenden Themen schon.
Aber abgesehen von dieser vielleicht etwas harsch klingenden Kritik fand ich den Film schon sehr gut, vor allem auf der technischen Ebene.
Saving Private Ryan (Der Soldat James Ryan, 1998)
Den habe ich mir mal in 4K angeschaut. Rein handwerklich beeindruckt er enorm. Ich glaube, dieses Zusammenspiel aus Pyrotechnik, Maskenbildnerei, Stuntarbeit, Kamera und Schnitt ist hier von allen Antikriegsfilmen am perfektesten umgesetzt. Manche Szenen sind schon splatter-artig, was der Realität des Krieges aber ja leider entspricht. Ich kann mich erinnern, daß einige Zuschauer im Kino während der Invasionsszene am Anfang rausgegangen sind. Die ganze Eingangssequenz am Omaha-Beach ist wahrscheinlich die beste und realistischste Umsetzung von Kriegsgeschehen der Filmgeschichte. Leider wird der restliche Film für mich dem nicht mehr gerecht.
Und da sind wir leider auch hier bei einem Aber. Ich glaube, der Film ist für sehr viele US-Zuschauern aus einem sehr ähnlichen Grund der beste Antikriegsfilm ever, aus dem sehr viele Deutsche Schindlers Liste für den besten Film zum Thema Holocaust halten. Er konzentriert sich auf eine Episode im historischen Gesamtgeschehen, die nicht typisch für die Historie an sich ist. Er blendet bestimmte Teile der Geschichte bewusst aus, zeigt innerhalb dieses gesteckten Rahmens aber enormes Leid, so dass man zwar mit dem Gefühl aus dem Kino kommt, hier Geschichte so realitätsnah wie möglich erlebt zu haben, gleichzeitig aber mit einer Art Katharsis und Absolution, wie sie die typischen Hollywoodmärchen bieten. Er zeigt im Hauptteil der Handlung eigentlich sogar das komplette Gegenteil von dem, was Soldaten normalerweise tun: Menschen zu retten statt zu töten. Während auf der deutschen Seite offenbar nur Psychopathen sind, sind in der Truppe von Captain Miller nur nette Jungs von nebenan.
Der Teil der Geschichte, den Der Soldat James Ryan außerdem vollständig ausblendet, sind Gräueltaten an der Zivilbevölkerung durch Soldaten. Die einzige Szene, die dem vielleicht am nächsten kommt, ist die Episode, wenn der Trupp auf ein zerstörtes Wohnhaus trifft und Eltern ihnen ihre kleine Tochter anvertrauen wollen. Aber das, was bei Filmen wie The Deer Hunter, Platoon oder Die Verdammten des Krieges erschütternd thematisiert wird, wird hier praktisch vollständig ausgeblendet, und damit beschönt. Und deshalb kann er für mich nicht die Auszeichnung 'Bester Antikriegsfilm' bekommen.
Trotz all der extremen Gewalt ist der Film im Kern doch ein Heldengesang auf Opferbereitschaft und Kameradschaft, und damit sicher ganz im Sinne des US-Militärs. Daß man als ein guter und aufrechter Mensch aus dem Krieg kommen kann, das zentrale Element hier, steht in völligem Gegensatz zu Filmen wie etwa Full Metal Jacket. Tom Hanks ist praktisch das Idealbild eines Captains im Krieg, dem gegenüber steht der unmenschliche Hunne, der einmal theatralisch um sein Leben fleht, dann aber heimtückisch einem GI das Messer reinrammt. Damit schafft der Film seltsamerweise das Gegenteil von dem, was Schindlers Liste auszeichnet hatte: eine differenzierte Darstellung von Deutschen jenseits der üblichen Hollywood-Schurkenklischees.
Aber auch hier klingt das als Kritik vielleicht etwas zu hart, denn insgesamt ist der Film ebenfalls sehr sehenswert und weit über dem Durchschnitt.
A.I. Artificial Intelligence (2001)
Hier trafen sich zwei Legenden des Kinos. Stanley Kubrick bat Spielberg, sein letztes Filmprojekt umzusetzen, da er Zweifel hatte, die Emotionalität des Stoffes adäquat umzusetzen. Was mich ein bisschen wundert, denn in seinen frühen Filmen wie Paths of Glory oder Spartacus hatte er ja diese doch sehr gut vermitteln können.
Obwohl Spielberg schon drei ikonische Science-Fiction-Filme geschaffen hatte, ist A.I. sein erster Ausflug in die Zukunft. Eine gewisse Ironie dabei ist das Erscheinungsjahr 2001, für das Kubrick ja Weltraumtourismus und bemannte Flüge zum Jupiter vorhergesagt hatte. In ähnlicher Weise wird man in der entsprechenden Zeit sicher über A.I. lächeln. Das geht schon mit den Twin Towers im überfluteten New York los, die Wochen nach dem Filmstart bereits Geschichte waren. Das sagt schon einiges aus über die Brauchbarkeit von Zukunftsvisionen. Ich schätze, mit den Waterworldszenarien dieser Zeit könnte es ähnlich aussehen. Wobei andererseits das Thema AI - eine Abkürzung, die damals noch ungewohnt war und heute jeder kennt - mit all seinen ethischen Fassetten sehr vorausschauend beleuchtet wird.
Damals im Kino war ich letztlich sehr enttäuscht. Nach einer grandiosen ersten Hälfte, die der Magie von Spielbergs frühen Filmen sehr nahe kommt, ging der Film immer und immer weiter, und nahm immer absurdere Wendungen, bis schließlich Aliens aus der Zukunft ein Happy End erzwangen. Mein jetziges Urteil ist da etwas milder. Zum einen, weil man mittlerweile gelesen hat, dass die Aliens eigentlich die weiterentwickelten Androiden sein sollen. Zum anderen ist das "Happy End" ja eigentlich gar nicht so happy, sondern hat schon eine gewisse Tragik. Mein Eindruck einer wesentlich gelungeneren ersten Hälfte ist aber gleichbleibend. Es scheint, dass dieser Teil noch von Kubrick stammt, und der Rest dann von Spielberg. (Tatsächlich ist aber die gesamte Story schon von Kubrick.) Was den familiären Teil des Films so gut macht, ist neben dem wirklich überragenden Spiel von Joel Haley Osment auch der Umstand, daß die Zukunft und ihre Technologien sich hier nicht so in den Vordergrund drängen. Die Geschichte könnte in zehn Jahren spielen oder in 50. Nachdem David ausgesetzt wurde, überschlägt sich der Film dann aber mit bizarren Zukunftsvisionen, angefangen von einem seltsamen mond-artigen Ballon, vermutlich eine Selbstreferenz Spielbergs.
Das Ende in der Zukunft leidet auch aus heutiger Sicht zum einen an der Übertreibung, daß 2000 Jahre nach den Ereignissen die Menschheit samt Tierwelt komplett ausgestorben sein soll und die Ozeane bis zum Grund (!) gefroren. Zum anderen sehen auch die Alien-Androiden FX-technisch nicht so überzeugend aus. Und die Handlung zieht sich auch ziemlich hin. David taucht zum Grund, wird gerettet, taucht dann wieder, etc. Das hätte man deutlich straffen können. Immerhin funktionierte diesmal das Ende als Science-Fiction-Variante eines Märchens.
Was mir an dem Film dagegen sehr gefällt sind nicht nur die vorausschauenden Warnungen im Umgang mit KI. Eigentlich geht es im Film sogar weniger um das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine, sondern mehr um die Verantwortung, die man übernimmt, wenn man Kinder in die Welt setzt. Deren Liebe kann man nicht einfach abschalten, und wenn sie nicht erwidert wird, pflanzt sich das Trauma über Generationen hinweg immer weiter fort.
Insgesamt hat der Film gegenüber dem Kinobesuch 2001 schon deutlich gewonnen, auch wenn er nicht unbedingt das Beste aus den beiden Welten Spielbergs und Kubrick darstellt. Immerhin muß man Spielberg hier zugute halten, daß die Handlung keine einfachen Antworten liefert, sondern zum Nachdenken über seine philosophischen Fragestellungen einlädt.
Minority Report (2002)
Und gleich darauf der zweite Ausflug in die Zukunft. Auf den hatte ich mich richtig gefreut, und ich hatte ihn auch als sehr gut in Erinnerung. Und tatsächlich ist es ein phantastisch geschriebener, inszenierter und gespielter Science-Fiction-Thriller - bis auf das Ende. Dazu später mehr. Hier arbeitete Spielberg erstmals mit Tom Cruise zusammen, der mit seinem Superstar-Status den Film auch sehr gut trägt. Cruise war hier nach Magnolia, Eyes Wide Shut und den beiden Mission-Impossible-Erfolgen auf einem Karriere-Höhenflug. Auch Colin Farrell ist gut als ermittelnder Cop. (So richtig überzeugt hatte mich Farrell als Darsteller aber erst später mit Brügge sehen und sterben.) Herausragend fand ich damals wie heute aber Samantha Morton.
Faszinierend ist 20 Jahre später, mit wie vielen Dingen der Film richtig lag. Vor allem die Weiterentwicklung der Computertechnologie mit Touch-Screens und Flachbildschirmen wirkt, im Gegensatz zu vielen anderen SF-Filmen, immer noch überzeugend. Aber auch vollautomatisierte Autofabriken, Genmanipulation und allgegenwärtige Überwachung wirken unangenehm vorausschauend. Auch insgesamt überzeugt mich die Optik. Spielberg wandte hier wie in Private Ryan den Effekt der Bleichauslassung an, der die Bilder intensiver und körniger aussehen lässt.
Leider hinterlässt das Finale - genau wie damals im Kino - einen etwas trübenden Nachgeschmack. Ich weiß nicht, ob Spielberg das bewusst ambivalent und etwas ironisch gestaltet hat. Anderton wird gefangen genommen und in den Wachkoma-Knast gebracht, und der Wärter sagt noch, dass die meisten Gefangenen in einer Art ständigen Traum die Erfüllung ihrer Wünsche erleben. Und tatsächlich wirken die nachfolgenden Szenen genau so. Seine Frau wird zur toughen Hobbypolizistin, durchschaut den Bösewicht und holt Anderton aus dem Knast. Die Schurken erhalten ihre gerechte Strafe und die Pre-Cogs leben glücklich in einem sonnendurchfluteten Häuschen am See. Da Spielberg auch schon in A.I. ein, aus meiner Sicht, aufgesetztes Happy End fabriziert hatte, wirkte das hier auf mich ebenfalls unglaubwürdig und gewollt. So als ob er unbedingt seinen Ruf als "Träumer und Märchenerzähler des Kinos" wahren wollte. Wenn er es allerdings tatsächlich ambivalent haben wollte mit der Möglichkeit des Traumes, macht es das für mich leider nicht unbedingt besser.
Was mich ebenfalls an diesem Happy End stört, ist dass das Pre-Crime-Programm vollständig eingestellt wird. Der Film stellt hier eine falsche Wahl zwischen einem perfekten System vor, oder einem imperfekten und damit unmenschlichen. Aber es ist letztlich nur ein einziger Fall, in dem es manipuliert wurde, und selbst in einer unperfekten Form rettet es immer noch tausende von Menschenleben. Der Film stiehlt sich damit auf eine intellektuell etwas unredlich wirkende Weise aus seinem anfänglich gestellten moralischen Dilemma. Abgesehen von diesem Wermutstropfen ist es ein perfekt inszenierter Thriller mit einem bis dahin oscarreifen Drehbuch.
Catch Me If You Can (2002)
Im selben Jahr wie 'Minority Report' veröffentlichte Workoholic Spielberg auch noch dieses Werk, das insgesamt auf mich wesentlich runder als die beiden Vorgänger wirkt. Und auch wesentlich leichter und beschwingter. Leonardo Di Caprio ist absolut perfekt besetzt als Hochstapler, dem man einfach nicht böse sein kann. Grandios auch wie immer Christopher Walken, der für die Rolle auch mehrere Preise bekam.
Da Spielberg selbst sich ja als Jugendlicher einfach in einem leeren Büro auf dem Studiogelände einmietete und so tat, als arbeite er dort, hat die Story auch einen gewissen autobiografischen Aspekt, der zusätzlich durch die traumatisierende Scheidung der Eltern verstärkt wird. Vielleicht ist der Film hier eine Art Vorstudie zu The Fabelmans.
Genial sind für einen Bondfan wie mich natürlich die Sixties-Atmosphäre im Allgemeinen und die Goldfinger-Hommage im Besonderen. So kriegt man einen kleinen Einblick, wie sich ein Bondfilm von Spielberg angefühlt haben würde. Insgesamt der vielleicht gelungenste Film von ihm in den 00er Jahren.
Terminal (2004)
Nach dem Doppelpack düsterer Zukunftsvisionen mit A.I. und Minority Report gibt es hier nun ein Doppelpack leichtfüßiger Komödien im Stil beschwingter Jazz-Fingerübungen. Terminal wirkt inspiriert von der spielerischen Leichtigkeit und dem altmodischen Charme von Ernst Lubitsch oder Billy Wilder. Ein großer Pluspunkt ist, daß sich Spielberg hier trotz dieser Beschwingtheit dafür entschieden hat, kein verzuckertes Rundum-Happy-End zu liefern, sondern die Liebesgeschichte mit Catherine Zeta-Jones unglücklich zu beenden.
Trotzdem gefällt mir der Film insgesamt nicht so gut wie der Vorgänger. Die Figuren und die Situationskomik wirken auf mich oft etwas zu künstlich und gewollt. Daß sich zum Beispiel eine Frau wie Officer Torres in irgendeinen Hilfsarbeiter verliebt, funktioniert so wohl nur im Spielberg-Universum. Oder auch, daß sich der sonst ziemlich egoistische Putzmann am Ende verhaften lässt. Und daß Tom Hanks keinerlei Freunde und Familie in seinem Heimatland zu haben scheint und nur wegen eines sehr abstrakten Versprechens kurz nach New York will. Die kalte und auf Dauer deprimierende Sterilität des Mikrokosmos Flughafen ist gut eingefangen, wirkt sich aber auch ein bisschen zu Ungunsten des Films aus. Davon abgesehen aber ein recht kurzweiliger und spaßiger Film.
War of the Worlds (Krieg der Welten, 2005)
Und es folgt wieder ein Doppelpack düster-pessimistischer Filme. Krieg der Welten ist vielleicht sogar Spielbergs düsterster Film nach Schindlers Liste, was als Verarbeitung von 9/11 auch nicht verwundert. Obwohl der Film einer der erfolgreichsten 2005 war und gute Kritiken erhielt, wird er heute oft eher negativ gesehen. Ich finde ihn allerdings sehr gelungen, da er es schafft, sowohl zeitgenössische Stimmungen umzusetzen als auch sowohl die Atmosphäre des Romans von H.G. Wells als auch der berühmten Verfilmung von 1953 sehr gut in die Gegenwart zu übertragen. Die Sequenz mit dem verrückten Ogily ist beispielsweise aus dem Roman übernommen. Ich denke, besser könnte man das Feeling des Romans nicht modern umsetzen.
Insgesamt wirkt der Film wie ein kompletter Gegenentwurf zu Close Encounters, was viel über die Veränderung des jeweiligen Zeitgeists aussagt. Das ohrenbetäubende Dröhnen, mit dem sich die Tripods verständigen, wirkt insofern auch wie eine böse Version der musikalischen Völkerverständigung am Ende von Close Encounters. Auch sonst erschafft Spielberg düstere Bilder irgendwo zwischen Hyronimus Bosch und Stephen King, mit dem brennenden Zug, den im Fluß treibenden Leichen, herabfallenden Kleidungsstücken oder dem als Dünger versprühten Blut.
Dakota Fanning hatte mich damals im Kino eher genervt, diesmal empfand ich ihre schauspielerische Darbietung aber doch als recht beeindruckend. Tom Cruise überzeugt mich ebenfalls. Wermutstropfen ist aber auch hier etwas zu viel Happy End zum Schluß. Georg Seeßlen hat sich zu diesem fast schon pathologischen Hang zu angeklebten Happy Ends geäußert und trifft es wohl sehr gut: "Aber Spielberg ist unfähig, sich tiefer auf seinen eigenen Alptraum, seine eigene Diagnose seines Landes einzulassen. Er kann nicht anders, er muss das Rettende inszenieren, und er inszeniert es, als hätte er Angst vor sich selber bekommen, das macht es auf absurde Art authentisch. In seiner schon wieder so kitschigen Errettungsphantasie spürt man immer noch das kleine Kind, Steven Spielberg in der Vorstadt, das die Eltern streiten hörte. In Krieg der Welten fasst Steven Spielberg nicht nur sein filmisches Werk noch einmal zusammen, sondern auch sein großes Dilemma."
Interessant ist zumindest im Licht von Spielbergs Biographie, daß er hier die Perspektive des Vater einnimmt, der sich von seiner Familie entfremdet hat. Neben Catch Me If You Can ist es für mich auf jeden Fall Spielbergs überzeugendster Film der 00er.
Munich (München, 2005)
Im selben Jahr erschien dieser ebenfalls eher pessimistische und brutale Spionagethriller. Man kann nur staunen über das unglaubliche Output von Spielberg. Und man fragt sich manchmal, ob etwas mehr Zeit für den jeweiligen Film oft nicht besser gewesen wäre. München hinterließ diesmal auf mich einen ähnlich zwiespältigen Eindruck wie seinerzeit im Kino. Ähnlich wie bei Catch me if you can, Terminal und Krieg der Welten ist es auch hier ein Stoff, der bereits schon einmal von mindestens einem anderen Film erzählt worden ist. Der Film beruht auf einem Buch, dessen Historizität sehr umstritten ist, und das im Film Gezeigte wirkt auf mich dann auch nicht authentisch. Daß der Mossad, der wahrscheinlich effektivste und skrupelloseste Geheimdienst der Gegenwart, eine derartig amateurhafte Gurkentruppe losschickt, um Attentäter zu jagen, die Israelis in Deutschland ermordeten, wirkt auf mich ähnlich realitätsnah wie aus Bernstein-Insekten geklonte Saurier.
Dazu kommt, daß mir letztlich kein Charakter des Films wirklich sympathisch ist, und überhaupt keine der Seiten. Eric Bana hat mich allgemein nie so richtig mitgerissen, obwohl er mich hier in seiner Siebziger-Aufmachung sehr oft an George Lazenby in Im Geheimdienst Ihrer Majestät erinnert. Daniel Craig kann ich mittlerweile nur noch mit Mühe ertragen, und auch die restlichen Darsteller ragen nicht unbedingt heraus. Interessant sind immerhin Michel "Hugo Drax" Lonsdale und Mattheu "Dominic Greene" Amalric als Vater-Sohn-Gespann. Ein großer Pluspunkt ist die Siebziger-Jahre-Atmosphäre, die sehr aufwändig umgesetzt wurde. Spielberg kehrt hier ja ins Jahr 1972 zurück, in dem sein erster Film ins Kino kam. Im Gedächtnis bleibt auch der Mord an einer Auftragskillerin in Amsterdam.
Man merkt dem Film deutlich an, daß er im Jahrzehnt von Jason Bourne entstand. Geheimdienste werden als amoralisch und ineffektiv dargestellt, Agenten als semi-soziopathisch - was sicherlich auch alles der Realität entspricht - oder von Zweifeln an ihrem Job zerfressen und korrumpiert. Hätte Craig hier die Hauptrolle gehabt, würde der Film wie eine Vorwegnahme seiner gesamten Bond-Ära wirken: Junger Haudrauf wird mit Attentaten beauftragt, kriegt Zweifel und wird am Ende Opfer seiner eigenen Paranoia.
Immerhin gibt es hier am Ende nicht Zuckerguß mit der Holzkelle, sondern eine bedeutungsschwangere Schlußeinstellung, die für mich in ihrer Aussage aber auch eher fragwürdig ist.
Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull (Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels, 2008)
Gegen Ende des Jahrzehnts kehrte Spielberg in sein ureigenes 'Königreich' zurück, den high-end-produzierten Popcorn-Blockbuster. Und enttäuschte leider so ziemlich auf ganzer Linie. Die Schwächen des Films wurden ja schon hinreichend besprochen. Zuviel CGI - obwohl es besser aussieht wie in manch anderem Film dieser Zeit -, zu viele Schauplätze, die gefaket oder beliebig aussehen, ein völlig abstruses Grundkonzept, lächerliche Ideen wie 'nuke the fridge', etc. pp. Verglichen mit den ersten drei Indy-Filmen, die in puncto Timing etc. perfekt sind, wirkt die Inszenierung hier manchmal fast schludrig. Zu Gute halten muss man Spielberg wohl, daß es drehbuch-technisch, ähnlich wie bei Temple of Doom, ein reiner Freundschaftsdienst gegenüber George Lucas war, und er dessen oft selbstüberschätzten dramaturgischen Ambitionen folgte.
Dabei ist der Anfang noch sehr vielversprechend. Die Idee, daß die Bösen auf dem Weg zu ihrem Verbrechen von Normalos angesprochen und für Gute gehalten werden, ist sehr ähnlich dem Anfang von München, wo andere Sportler den Attentätern noch helfen. Auch der Kampf im Lagerhaus und die Episode auf dem Atomtestgelände sind klassisch Indy. Das mit dem Kühlschrank ist dann zwar eine nette Anspielung auf das ursprüngliche Drehbuch von Zurück in die Zukunft, aber übertreibt es doch etwas mit der Glaubwürdigkeit. Diese in der Reihe zu beobachtende zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber den eigenen Filmgesetzmäßigkeiten nervt hier und auch im Nachfolgerfilm. So nach dem Motto 'Hey, das Ganze ist doch eh märchenhaft und abstrus, also warum nicht noch Aliens, quer durch die Wüste fliegende Kühlschranke, Zeitreisen, etc... '
Trotzdem finde ich den vierten Teil insgesamt immer noch besser als den fünften. Harrison Ford nehme ich die Action noch ab, er wirkt immer noch charmant und spitzbübisch, und ist kein Grummelgreis. Er ist noch Herr der Lage, und muß nicht von irgendeiner Dumpfbacke k.o. geschlagen und nachhause getragen werden. Und ähnlich wie bei diversen Bondfilmen machen auch die eher doofen Ideen und mäßigen Effekte immer noch einen leicht trashigen Spaß. Ich frage mich aus heutiger Sicht, warum man nicht noch ein bißchen mehr Mühe in diesen Film investieren konnte, denn rein von der Story um Marion ist es ein gelungener und würdiger Abschluss. Oder warum Spielberg nicht nach nicht ganz so langer Zeit wieder ein eigenes Drehbuch als Abschluss realisierte. Unter'm Strich wirkt er für diese Art von Popcorn-Kino mittlerweile zu unmotiviert.
Mit Kristallschädel endete auch die Zeit, in der ich Spielberg-Filme obligatorisch im Kino gesehen habe. Die Tim-und-Struppi-Verfilmung wirkte auf mich nicht so interessant und eher wie diese überambitioniert vorangetriebenen CGI-Filme von Robert Zemeckis. Und auch sonst hatte ich seinerzeit das Gefühl, daß Spielberg sein Mojo verloren hatte und eher durchschnittliche Filme dreht. Insofern begann ab hier mit Ausnahme von Gefährten und Ready Player One komplettes Neuland.
Die Abenteuer von Tim und Struppi - Das Geheimnis der Einhorn (The Adventures of Tintin, 2011)
Mit den Büchern um Tim und Struppi bin ich als Ostdeutsch-Sozialisierter nicht aufgewachsen, und habe daher keine persönliche Bindung dazu. Insofern bin ich ohne größere Erwartungen an den Film herangegangen, und wurde sehr positiv überrascht. Als augenzwinkernden Abenteuerfilm mit haarsträubender Action finde ich ihn sogar wesentlich gelungener als den Vorgänger Crystal Skull. Die Animation ist toll, und kommt in 3D noch besser rüber.
Gefährten (War Horse, 2011)
Ebenfalls 2011 erschien ein weiteres Historiendrama, diesmal vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges. Er beleuchtet einen eher weniger thematisierten Aspekt dieses Weltkrieges - dem Einsatz und dem Leid von Tieren. Hauptsächlich Pferde wurden hier eingesetzt, aber auch Hunde und sogar Brieftauben. Ein recht gut gemachter Film, mit tollen darstellerischen Leistungen, vor allem von Benedict Cumberbatch und Tom Hiddleston, der andererseits aber auch übermäßig stark in Erinnerung bleibt.
Lincoln (2012)
Während viele Biopics für mich darunter leiden, daß die jeweiligen Hauptdarsteller nur eine begrenzte Ähnlichkeit mit ihren jeweiligen historischen Counterparts aufweisen, beziehungsweise mit Massen von Latex und Schminke irgendwie hingebogen werden, ist Daniel Day-Lewis als Abraham Lincoln einer der größten Besetzungs-Coups der Filmgeschichte. Day-Lewis verschmilzt dermaßen mit dem berühmten Präsidenten, daß man tatsächlich manchmal das Gefühl hat, echte Geschichte mitzuerleben. Auch alle anderen Darsteller sind sehr solide und machen den Film zu einem sehenswerten und gelungenen Historiendrama.
Bridge of Spies (2015)
Auf dieses Werk hatte ich mich aufgrund der Bezüge zur deutschen Geschichte sehr gefreut. Ich erinnere mich noch sehr gut an den Medienrummel um die Dreharbeiten an der Glienicker Brücke in Potsdam, die einige deutsche Politiker dazu nutzten, sich in Hollywoodglamour zu sonnen.
Etwas negativ aufgefallen sind mir hier leider ein paar klischeehafte Zuspitzungen, die mit dem historischen Anspruch des Films kollidieren. Daß etwa ostdeutsche Grenzsoldaten Jugendliche am helllichten Tag erschießen, während gerade auch noch eine S-Bahn über die Grenze fährt, ist bei aller berechtigten Kritik an der DDR doch sehr dick aufgetragen. Ebenso klischeehaft wirkt es, wenn Tom Hanks vor marodierenden Jugendbanden in Ost-Berlin gewarnt wird, und dann auch gleich fünf Meter hinter der Grenze von einer solchen überfallen wird. Das sind so spielberg-typische Zuspitzungen, die in vielen Filmen funktionieren, in manchen aber auch eher befremdlich wirken. Vor allem in Historienfilmen empfinde ich sie oft als eher fragwürdig. Auch Sebastian Koch - an sich ein phantastischer Darsteller - verkörpert hier eher eine Klischeeversion eines ostdeutschen Anwalts, die mit der realen Figur nicht so viel zu tun hat. Im Spannungsfeld zwischen Dämonisierung und romantischer Verklärung der DDR erweist der Film echten Historikern hier eher einen Bärendienst. Überraschend gut ist dagegen Mark Rylance als sowjetischer Top-Spion Rudolf Abel.
BFG - Big Friendly Giant (The BFG, 2016)
Einer der Filme, bei denen man sich ein bißchen fragt, was genau Spielberg dazu bewog, sie zu drehen. BFG ist ein berühmtes Kinderbuch vom genialen Roald Dahl, der in vielen seiner Kinderbücher und Krimis erzählerisches Genie bewies. Als Kinderfilm durchaus solide - wenn auch nicht auf dem Niveau von Tim und Struppi - aber letztendlich eher aus der Kategorie "nett".
Ich habe allerdings eine kontroverse Theorie um den Subtext des Films, auf die ich bei Gelegenheit vielleicht mal näher eingehen werde.
Die Verlegerin (The Post, 2017)
Der Film um die Veröffentlichung der sogenannten Pentagon Papers ist eine Hommage an und ein Hohelied auf investigativen Journalismus, den es meiner bescheidenen Ansicht nach aber schon lange nicht mehr gibt. Zumindest nicht in den einschlägigen Medienhäusern. Insofern wirkt der Idealismus des Films leider wie eine schöne Geschichte aus längst vergangenen Zeiten, und die anvisierten Bezüge zur Gegenwart funktionieren für mich deshalb nicht. Zusätzlich stört mich etwas, daß investigativer Journalismus oft nur dann gefeiert wird, wenn er gegen Parteien und Politiker geht, die man nicht gewählt hat.
Meryl Streep ist wie eigentlich immer sehenswert und glaubwürdig, Tom Hanks meiner Meinung nach nicht ganz auf demselben Niveau. Aber das wenigstens nicht so aktiv störend wie etwa in Elvis. Wie in allen von Spielbergs historischen Filmen ist die Ausstattung sehr gelungen. Sehr schön etwa die Einblicke in die Funktionsweise einer Zeitung in der Pre-Computer-Ära, vom Setzen bis hin zum Drucken und Ausliefern.
Ready Player One (2018)
Der Film hat eigentlich fast alles, was einen guten Spielberg-Film ausmacht: Einen jugendlichen Helden, eine kreative Bestseller-Vorlage, Spezialeffekte und Gespür für Popkultur. Aber obwohl die zahllosen populärkulturellen Anspielungen durchaus Spaß machen und dem Film eine gute Rewatchability verleihen, wirkt der Film insgesamt leider etwas zahnlos. Die Kritik an Konzernen bewegt sich im Rahmen dessen, was man hinlänglich aus Filmen dieser Art kennt. Kritik an übermäßigem Medienkonsum gibt es ebenso wenig wie Kritik an einer zu starken Ausbeutung der Vergangenheit bei gleichzeitiger kreativer Stagnation in der Gegenwart - Stichwort Sequel-Wahn, Marvel, etc. Filme, Spiele und Serien der letzten 40 Jahre abzufeiern ist nett, aber mir im Endeffekt zu wenig. Ein Die Another Day macht ja letztlich auch nichts anderes, wenn auch auf nicht so hohem handwerklichen Niveau.
West Side Story (2021)
Das Musical hatte ich mir bei Erscheinen nicht im Kino angesehen, da ich zum einen nicht gerade der größte Fan von Musicals bin, und mir zum anderen die Neuverfilmung des klassischen Musicals hauptsächlich wie eine politische Korrektur vorkam. Ein bißchen so wie wenn man sagt: Der Film von Robert Wise war zwar gut und einflußreich und alles, aber wir können trotzdem schon allein deshalb einen besseren Film machen, weil wir moralisch über den Menschen der 1960er stehen und Puerto-Ricaner und Puerto-Ricanerinnen eben mit echten Puerto-Ricanern und echten Puerto-Ricanerinnen besetzen.
Der Film ist - es ist müßig, das bei Spielbergs Filmen noch extra zu betonen - handwerklich innovativ und 'cutting edge' und sehr schön anzuschauen und -hören. Auch die schauspielerischen Leistungen sind durchweg sehr gut. (Insofern kann ich auch die geballte Häme gegenüber Rachel Zegler, die ihr vor kurzem entgegenschlug, nicht ganz nachvollziehen, vor allem in Bezug auf ihr Aussehen.) Obwohl Musicals nicht mein Lieblings-Genre sind - vermutlich ein typisches Männerding - mag ich West Side Story von allen Musicals doch ganz gern. Es hat einige Ohrwürmer und ein interessantes Setting. Ich habe es sogar schon im Theater gesehen in einer wirklich tollen Aufführung. Grundsätzlich denke ich, daß Spielberg den Geist des Originals sehr adäquat getroffen hat. Inwieweit er an den Film von Robert Wise heranreicht, kann ich nicht sagen, da ich den noch nicht gesehen habe. Trotzdem hat sich mir der Mehrwert einer Neuverfilmung - außer dem Verdacht der erwähnten 'politischen Korrektur' - nicht wirklich erschlossen. Was natürlich nicht heißt, daß es kein sehenswerter und beeindruckender Film ist. Aber vielleicht hat sich der Mehrwert auch anderen nicht so sehr erschlossen, daß der Film ein Erfolg wurde.
The Fabelmans (2022)
Der vorläufige Abschluß der Retrospektive - der wohl passender nicht sein könnte. Denn Spielberg erkundet hier die eigene Geschichte in einer Art und Weise, die man so noch nicht gesehen hat. Sicher haben andere Regisseure autobiografische Elemente in ihre Filme einfließen lassen (etwa Die besten Absichten und Fanny und Alexander von Bergman), aber die eigenen Ursprünge so direkt umgesetzt wirkt erfrischend und innovativ. Vieles in seiner Karriere und seinen Filmen wirkt durch diesen Film verständlicher.
Wie Spielberg hier seine eigenen Eltern porträtiert, ihre Leidenschaften, Schwächen und Fehler, ist schon mutig. Ich glaube, ich könnte es nicht. Wenn man Spielbergs Filmographie als die Reise eines Mannes sieht, der seine Kunst dazu benutzt, ein inneres Trauma zu bewältigen, dann ist The Fabelmans vielleicht tatsächlich eine Art ultimativer Schlußpunkt, ein Ankommen. Sich selbst und seine eigenen Eltern analytisch von außen betrachten zu können, zeigt vielleicht ultimatives Erwachsensein, denn ein Kind neigt ja nun mal dazu, die eigenen Eltern und ihre Geschichte zu romantisieren und störende Elemente zu verdrängen. Insofern ist The Fabelmans auch eine Art filmischer Therapie, und damit eine sehr schöne Hommage an die Kraft des Films - sowie Kunst an sich.
Die Charaktere sind optimal besetzt, mit kleinen Sahnestücken wie Judd Hirsch und vor allem dem kürzlich von uns gegangene David Lynch als John Ford. Insgesamt Spielbergs rundester und gelungenster Film seit Catch Me If You Can.
Jetzt folgt natürlich das große Ranking. Stay tuned...

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