Kann der Altmeister mit seinem jüngsten Werk an die früheren Meilensteine anknüpfen?
Es folgen einige Spoiler, da es schwierig ist den Film zu bewerten, ohne auf die Handlung einzugehen. Wenn Sie DISCLOSURE DAY also noch nicht gesehen haben und keine Details erfahren möchten, sollten Sie erst nach Sichtung des Films weiterlesen.
Ich muß zugeben, daß die ersten Teaser und das Plakat des Films auf mich unfreiwillig komisch wirkten. (Und der erste Spoiler: Sie tun es auch nach Sichtung des Films. Grundsätzlich hätte das Thema 'Umgang mit Tieren' im Zusammenhang mit dem Umgang mit Außerirdischen sehr viel Potential gehabt, das ich jedoch nicht finden konnte.)
Der größte Teil der Handlung des rund zweieinhalb Stunden langen Films ist im Prinzip eine Verfolgungsjagd zwischen "Men in Black", angeführt von Colin Firth, und Whistleblowern, zu denen sich die Wetterfee Mary, gespielt von Emily Blunt, gesellt. So ähnlich wie die Fluchtszene mit Tom Cruise und Samantha Morton in MINORITY REPORT, nur ausgedehnt auf zwei Stunden. Menschen mit übersinnlichen Fähigkeiten tricksen immer wieder ihre Verfolger aus. Das ist an sich durchaus recht spannend. Und es wäre ein unterhaltsamer Science-Fiction-Thriller, wenn das, was hier aufgebaut wird, am Ende auch eingelöst wird.
Im Finale trifft Mary auf einen Anführer der Whistleblower, dessen Organisation in einem Hangar das Haus nachgebaut hat, in dem Mary aufwuchs. Das ist ebenfalls noch ein recht netter Mission-Impossible-Effekt, auch wenn man so etwas mittlerweile aus zahlreichen Filmen und Serien kennt. Man wartet auf die große Erkenntnis, warum Mary und ihr männliches Pendant Daniel übersinnliche Fähigkeiten haben. Die erste Erkenntnis ist, daß sich die Außerirdischen, um die es die ganze Zeit geht, als Tiere tarnen. Aha. Die Aliens müssen also unbedingt die Guten sein, denn Tiere sind ja niedlich und unschuldig.
Mary erinnert sich an ein Erlebnis in ihrer Kindheit, bei dem die Tier-Aliens sie und Daniel zu einem Ort lockten und dort Experimente und Manipulationen an ihnen durchführten. Spielberg präsentiert diese Szenen mit der ihm eigenen übersteigerten Emotionalität, und ähnlich wie in E.T. oder später A.I. ARTIFICIAL INTELLIGENCE versucht er, Science Fiction mit einer märchenartigen Atmosphäre zu verbinden. (Ich meine mich erinnern zu können, daß sogar irgendeine Stimme im Hintergrund "Hänsel und Gretel" raunt, aber vielleicht war das auch nur ein angetrunkener Zuschauer...) Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß diese Experimente an Kindern ohne deren Einwilligung oder der der Eltern einen sehr unangenehmen Beigeschmack haben. Vor allem auch, wenn Spielberg vorher Mitleid für die Aliens erzeugen will, indem er Aufnahmen von Experimenten an ihnen zeigt, und ihre moralische Überlegenheit behauptet.
Das Ergebnis der zweistündigen Verfolgungsjagd, bei dem zwei aufwändig manipulierte Menschen alle fünf Minuten Wunder vollbringen, ist dann, daß ein Rucksack voller USB-Sticks hochgeladen und in einer gekaperten Nachrichtensendung live gesendet wird. Wow. Etwas sehr viel Aufwand für etwas sehr profanes, daß man in den 2020ern wohl auch hätte einfacher schaffen können. Warum sind die ach so überlegenen Außerirdischen nicht außerdem in der Lage, eine TV-Sendung zu übernehmen? Ganz allgemein fragt man sich auch ein bißchen, wieso eine hochentwickelte außerirdische Zivilisation, die sich als Tiere tarnen kann, Telepathie beherrscht und es geschafft hat, zig Lichtjahre zu überwinden, es nicht gebacken kriegt, Raumschiffe zu bauen, die nicht auf den nächsten Acker abschmieren und von primitiven Menschen gekapert und ausgeschlachtet werden können. Aber Spielberg mußte ja scheinbar unbedingt jedes einzelne Alien-Klischee in den Film packen, das er in der Mottenkiste finden konnte.
Die Art, wie Mary als Auserwählte zelebriert wird, wirkt auf mich penetrant bis unfreiwillig komisch. Es gibt tatsächlich eine Szene, wie sich eine Frau vor ihr bekreuzigt. Das ist auch ganz allgemein ein beliebtes Trope in der Science Fiction, das mich mittlerweile zu Tode langweilt. Man kennt es aus Star Wars, man kennt es aus Herr der Ringe, man kennt es aus Harry Potter, man kennt es aus Dune, man kennt es aus Matrix, man kennt es Zack Snyders Superman, man kennt es aus hunderten anderen Filmen. Mittlerweile nervt dieses "Ist er der Auserwählte, oder sein Sohn, oder sein Cousin?" nur noch. Es ist ein Rosinenpicken aus Motiven von Religionen, für die man sich aber eh nicht interessiert.
Nachdem der Film mit großem Pomp Alien-Experimente an Kindern zelebriert, kommt dann eine noch größere Schote. Die Nachrichtensendung mit Clips aus Roswell und Co. bewirkt dann tatsächlich eine semi-religiöse Erweckung der Menschen. Lieber Herr Spielberg, wir befinden uns mittlerweile im KI-Zeitalter! Niemand wäre schockiert von solchen Aufnahmen, selbst wenn Nachrichtensprecher ihre Glaubwürdigkeit beschwören. (Vermutlich gerade deswegen nicht.) Wir werden täglich bombardiert mit derartigem Material, und es bewirkt absolut nichts. Und damit bin ich bei dem zweiten Trope, das mittlerweile nur noch lächerlich wirkt: Die große Live-Enthüllung von Whistleblower-Material, bei der die Menschen mit offenen Mündern vor Videowänden stehen und ihr Leben überdenken. Das ist die antiquierte Vorstellung von Menschen, die noch täglich Zeitung lesen und Anzeigen schalten. Ich möchte hier nicht politisch werden und Beispiele von Enthüllungen nennen, die genau nichts bewirkt haben, aber es sind nicht wenige. Dafür werden wir mittlerweile einfach zu stark dauerbeschallt mit einem weißen Rauschen an Meldungen, und es werden mit Sicherheit nicht die Medien sein, die das ändern.
Spielberg zeigt hier keine echten Menschen, er zeigt Avatare von Menschen, die so reagieren, wie er es sich wünscht. Abziehbilder. Er behauptet zwei Stunden lang, daß ein Großteil der Menschheit mit Panik und Chaos auf die Enthüllung von Aliens reagieren würden, was ich ebenso bezweifle wie die ehrfürchtige Erstarrung. Der Großteil der Menschen im Westen ist mittlerweile atheistisch und sieht jeden Tag Filme und Serien mit irgendwelchen Außerirdischen. Selbst der Vatikan hat eingeräumt, daß es Außerirdische geben könnte. Am Ende behauptet er das komplette Gegenteil, und es bleibt ebenfalls nur eine Behauptung. Und in dem Moment, in dem die ganze Sache überhaupt erst interessant wird und man erfahren soll, wofür die Außerirdischen Kinder manipuliert haben, wird abgeblendet. Das ist, wie wenn GOLDENEYE zwei Stunden lang Bonds Fahrt nach Sibirien zeigen würde und dann aufhört, wenn er den russischen Staudamm erreicht.
Nun könnte man einwenden, daß auch schon Unheimliche Begegnung der dritten Art und E.T. eine ähnliche Geschichte erzählten und die Begegnung mit Außerirdischen bedeutungsschwanger und semi-religiös aufgeladen haben. Aber eben, sie erzählten dieselbe Geschichte, nur viel besser. Auch handwerklich. Und das vor einem halben Jahrhundert. Spielberg stellt Religionen wie das Christentum als überholt dar, beziehungsweise als falsche Interpretationen von Begegnungen mit außerirdischen Zivilisationen, und präsentiert als Lösung aller Probleme, daß nur Aliens uns retten können. Ist dieses Hoffen auf einen Retter von außerhalb aber nicht exakt das, was Atheisten an religiösen Menschen kritisieren? Mal ganz abgesehen davon, daß die Beweise für ihre Existenz eben nicht so wasserdicht sind, wie der Film behauptet. Und die Frage, warum wir sie unbedingt als moralisch überlegen akzeptieren sollten, nachdem er selbst in WAR OF THE WORLDS vor allzu großer Naivität warnte, bleibt auch im Dunkeln.
Lange Rede, kurzer Sinn: Der Regisseur Douglas Sirk bemerkte einmal sehr treffend "The moment you want to teach your audience, you are making a bad film". Leider macht Spielberg hier genau das. Er möchte predigen.
Obligatorisch ist am Ende wohl die Einordnung in das persönliche Ranking. Zur Zeit würde ich DISCLOSURE DAY tatsächlich auf dem letzten Platz verorten. Nach dem überraschend gelungenen THE FABELMANS sehr enttäuschend.


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen