Die Titanic-Katastrophe aus deutscher Sicht, Teil 2
Rund 40 Jahre nach dem umstrittenen Titanic von 1943 widmete sich wieder eine deutsche Produktion der berühmtesten Schiffskatastrophe der Geschichte: Titanic - Nachspiel einer Katastrophe. Anders als die meisten Filme zum Thema, die den Untergang nur als Hintergrund für fiktive melodramatische Geschichten nutzen, beruht das Gerichtsdrama auf Protokollen des US-amerikanischen Untersuchungsausschusses und liefert damit ebenso fundierte wie aufschlußreiche Einblicke in die Untersuchungen und die Reaktionen der Beteiligten. Trotz seines Alters von mittlerweile über 40 Jahren wirkt das Fernsehspiel auch heute noch überzeugend und spannend, und zeigt, was Öffentlich-Rechtliches Fernsehen leisten konnte.Das Fernsehspiel war eine Koproduktion zwischen dem IPV Budapest und dem Fernsehstudio München Unterföhring und wurde am 20. März 1984 im ZDF ausgestrahlt. Der Untersuchungsausschuss, um den es geht, startete bereits wenige Tage nach dem Unglück, am 19. April 1912 im New Yorker Waldorf Astoria Hotel. Er dauerte bis zum 25. Mai und wurde später nach Washington verlegt. Geleitet wurde er von Senator William Alden Smith aus Michigan. An dem Ausschuss nahmen unter anderem Bruce Ismay, der Direktor der White Star Line, der Zweite Offizier Charles Lithtoller oder Stanley Lord, der Kapitän der Californian, teil.
Natürlich ist bei solchen Filmen, die einen aufrechten Mann im Kampf gegen das System zeigen, immer ein wenig pathetische und vereinfachende Überhöhung gegeben. Ähnlich wie auch in Hollywoodfilmen wie The Insider oder Kill the Messenger. So war Smith Mitglied der republikanischen Partei, die wiederum von Titanic-Eigentümer J.P. Morgan gesponsert wurde, und von daher nicht ganz so unabhängig. Insofern verwundert es nicht, daß Morgan weder vorgeladen wurde noch sonst irgendwie Thema war. Überhaupt wird von Anfang an klar, daß der Untersuchungsausschuss keinerlei juristische Relevanz hatte, und damit ein eher zahnloser Papiertiger war. Eine gerichtliche Suche nach Schuldigen fand nie statt, was angesichts der Tatsache, daß man mit Vollgas in ein Gebiet gefahren war, für das es von Eiswarnungen nur so wimmelte, und damit über 1000 Menschen getötet hatte, schon erstaunlich ist. Insofern ist die Bezeichnung 'Gerichtsdrama' für das Fernsehspiel auch eher formal.
Senator Smith wird im Film auch als eine nicht unumstrittene Figur dargestellt. Wird er anfangs für seine unerschütterliche Wahrheitssuche gefeiert und als Präsidentschaftskandidat gehandelt, macht sich vor allem die britische Presse zunehmend darüber lustig, daß er als 'Landratte' oft wenig nautisches Verständnis zeigte. Berüchtigt etwa seine Frage, woraus ein Eisberg bestehe. Dargestellt wird er hier vom theatererprobten Hans Korte, der seiner historischen Figur die nötige Gravitas verleiht. Die Kritik an ihm wird in dem Gerichtsdrama sehr gut aufgegriffen.
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| Der Ausschuss im Waldorf Astoria verhört Bruce Ismay |
Was sowohl bei Ismay als auch bei Lightoller und anderen prominenten Überlebenden auffällt, ist eine Arroganz, die nicht einfach nur british understatement ist, sondern oft regelrecht kaltschnäuzig und zynisch wirkt. Ein Eindruck, der sich aus den Protokollen tatsächlich so ergibt, und den auch Zeitzeugen hatten. Teilweise machen sich die Befragten einen richtigen Spaß daraus, Lacher aus dem Publikum zu erhalten. Verbunden mit dem Umstand etwa, daß die Besatzung trotz des ungenügend eingeübten Notfalls und vieler sehr fragwürdiger und zu spät getroffener Entscheidungen noch die Zeit gefunden hat, Schußwaffen zu verteilen, wirkt dieser eiskalte Zynismus doch ein wenig anders als der Eindruck, den die zahlreichen Verfilmungen vom Untergang zeichnen.
Interessant ist in dem Zusammenhang auch, daß die prominenten Überlebenden wie Ismay oder Lightoller ein Auseinanderbrechen des Rumpfes leugneten, der später durch das Wrack aber eindeutig bewiesen wurde. Das scheint allerdings noch nicht Gegenstand der US-amerikanischen Untersuchung gewesen zu sein, zumindest wird es im Film nicht thematisiert. Überhaupt sagt es sehr viel aus, daß weder im amerikanischen noch im späteren britischen Ausschuss Überlebende der dritten Klasse angehört wurden.
Ein weiterer Aspekt, der durch den Film ins Bewußtsein kommt, ist die bis heute nicht endgültig geklärte Rolle eines Schiffes, das die Titanic-Crew in großer Entfernung sah, das jedoch weder auf Funksprüche noch Signalraketen reagierte. Es wird angenommen, daß das die SS Californian war, dessen Captain Lord im Ausschuss später auch aussagt. Jedoch bestreitet er vehement, daß er die Titanic aus der Entfernung hätte sehen können. Hier entsteht die Frage, ob noch ein drittes Schiff anwesend war.
Damit ergibt sich eine interessante Parallele zum 1943er Film, der dieses Schiff ebenfalls thematisierte und darüber spekulierte, daß die Titanic Raketen mit der falschen Farbe dabei hatte und man auf der Californian diese deshalb für Feuerwerk hielt. Was Lord in diesem Film aber laut Protokollen eindeutig verneint. Überhaupt ist die Thematisierung der Schuldfrage und die Anklage eines elitären Umgangs mit der Tragödie eine Kontinuität mit dem Film von 1943 - was den 1984er Fernsehfilm aber keineswegs abwerten soll, denn hier wird das Thema wesentlich ernsthafter und differenzierter umgesetzt.
Einer der interessantesten Punkte der meisten Titanic-Filme ist die Darstellung des J. Bruce Ismay. War er tatsächlich nur ein "einfacher Passagier", der vom Untergang überrascht wurde und selbstlos bei der Rettung der Passagiere half, oder hat er Druck auf Captain Smith ausgeübt - wofür es mindestens eine Zeugin gibt - und sich durch unlautere Mittel sein Überleben gesichert? Mein Eindruck ist, daß seine eher zwielichtige Darstellung in den meisten Filmen durchaus gerechtfertigt ist.
Insgesamt zeichnet sich das Fernsehspiel dadurch aus, daß man sich auf einen fest abgesteckten, mit den Mitteln des Fernsehens gut umsetzbaren Rahmen beschränkt, diesen aber sehr gut recherchiert hat und schauspielerisch hochwertig umsetzt. Dadurch ergibt sich ein höherer Informationsgehalt als bei den meisten anderen Titanic-Filmen, die zwar mit Aufwand und Tricktechnik punkten, aber oft auch nur Versatzstücke und Legenden neu interpretieren.
Titanic - Nachspiel einer Katastrophe ist als DVD erhältlich. Ich kann den Film klar empfehlen!
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| Der Autor auf der Titanic-Ausstellung in Leipzig |



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