Die Titanic-Katastrophe aus deutscher Sicht, Teil 1
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| Illustration von Willy Stöwer für die Zeitschrift Die Gartenlaube |
Im zweiten Teil geht es dann um das deutsche Fernsehdrama Titanic - Nachspiel einer Katastrophe von 1984, das sich als einer der sehr wenigen Filme auf den Untersuchungsausschuß nach der Tragödie konzentriert. Ein heute fast vergessenes Werk, das aber nichtsdestotrotz einer der bemerkenswertesten Beiträge zum Thema ist!
Der erste Film über den Untergang der Titanic war - neben einem dokumentarischen Kurzfilm mit einer Überlebenden - der deutsche Stummfilm In Nacht und Eis, der ganze zwei Monate nach der Katastrophe gedreht wurde. Dementsprechend wirkt er auch eher schnell heruntergekurbelt. Die Modellaufnahmen, die man auf dem Krüpelsee bei Königs Wusterhausen filmte, wirken selbst für damalige Verhältnisse eher unfreiwillig komisch. Einige Außenaufnahmen wurden in den Häfen von Hamburg und Cuxhaven realisiert, Innenaufnahmen im Studio der Continental-Kunstfilm in Berlin. Eine besondere Handlung zeigt der rund 40 Minuten lange Film, der Ende der 90er in einem Privatarchiv wiederentdeckt wurde, nicht. Man seht in den ersten beiden Akten semi-dokumentarisch wirkende Szenen, wie das Schiff beladen wird, oder wie sich Passagiere später an Deck die Zeit vertreiben. Immerhin gelang es dem Film, Captain Smith mit dem späteren Regisseur Otto Rippert so zu besetzen, daß er auf den ersten Blick wie der echte Smith wirkt.
Die eine Konstante in fast allen Verfilmungen des Unglücks ist von Anfang an die Hymne Nearer, My God, To Thee, die von der britischen Dichterin und Komponistin Sarah Flower Adams komponiert wurde, und von der zahlreiche Zeugen angaben, daß sie während des Untergangs von der Band gespielt wurde. In dieser Stummfilmversion werden dem Medium entsprechend die Noten gezeigt.
Interessant ist hier aber auch schon die Legendenbildung von Anfang an. Ein Beispiel ist der Zusammenstoß des Schiffes mit dem Eisberg, der jeweils aus der Perspektive von verschiedenen Passagieren gezeigt wird, die durch den Stoß aus ihren Betten oder Sesseln gerissen werden. Genau diese Stoßwirkung, die man bei der Kollision eines Schiffes in voller Fahrt mit einem Eisberg eigentlich erwarten würde, fand in der Realität nicht statt. Viele Passagiere gaben an, die Kollision gar nicht bemerkt zu haben.
Eine restaurierte Fassung des Films gibt es auf YouTube.
Der erste ernstzunehmende und abendfüllende Film - und auch der erste Tonfilm - war dann 1929 tatsächlich eine britische Produktion, die sich vom realen Titanic-Unglück allerdings nur inspirieren ließ, und daher eigentlich kein echter Titanic-Film ist. Das Schiff heißt hier Atlantic, wie auch der Film. Die White Star Line verbot die Benutzung des Namens Titanic. Atlantic als Film- und Schiffsname hat dabei aber eine gewisse Ironie, denn das erste Schiff, das die White Star Line 1873 verloren hatte, trug den Namen Atlantic.
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| Etwas makaberes Plakat des Films, der auch unter dem Titel "Titanic" veröffentlicht wurde |
Der Film illustriert aber auch das große Problem des jungen Tonfilms: basierend auf dem Theaterstück The Berg zeigt er vor allem, wie Hitchcock es nannte, 'photographs of people talking'. Immerhin sind die Modell- und Trickaufnahmen hier wesentlich überzeugender.
Premiere feierte der erste deutsche Tonfilm am 28. Oktober 1929 in Berlins Gloria-Palast unter Anwesenheit zahlreicher Prominenter und wurde mit einem minutenlangen Applaus gefeiert. Wie in der frühen Tonfilm-Ära üblich, wurden verschiedene Sprachversionen mit verschiedenen Schauspielern gedreht, neben der deutschen Urfassung auch eine englische und eine französische. In der britischen Fassung spielte Madeleine Carroll, die später mit Hitchcock Die 39 Stufen und Geheimagent drehte. Regie führte aber bei allen drei Versionen der Deutsche Ewald André Dupont.
Eine restaurierte Fassung der englischen Version gibt es auch hier auf YouTube. Die deutsche Fassung gibt es ebenfalls, allerdings leider in wesentlich schlechterer Qualität.
Nach diesem Film gab es noch einen weiteren britischen Film, Cavalcade von 1933, der das Unglück thematisierte, wenn auch nur kurz. Der auf einem erfolgreichen Theaterstück von Noel Coward basierende Streifen zeigt die Geschichte einer Familie über mehrere Jahrzehnte hinweg. In einer effektvollen Szene sieht man einen Sohn der Familie mit seiner Frau an Deck eines Schiffes stehen und über die Zukunft plaudern, und als sie weggehen ist ein Rettungsring mit der Aufschrift Titanic zu sehen.
Der erste richtige Spielfilm über den Untergang der Titanic, bei der das Schiff und die entsprechenden Personen auch tatsächlich so benannt werden, ist damit der deutsche Film Titanic von 1943, auch wenn er aufgrund der Produktionsumstände einen eher zweifelhaften Ruhm genießt. Aber ist der unter der nationalsozialistischen Diktatur entstandene Film wirklich so schlecht?
Die Katastrophen der Gegner
Katastrophen können auch positive Aspekte haben - vor allem für gegnerische Staaten. So hatte etwa das Reaktor-Unglück von Tschernobyl insofern für den Westen etwas gutes, daß es für das alte Schlachtschiff Sowjetunion sozusagen der Eisberg war, der seinen Untergang einleitete.
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| DVD-Cover des Films |
Titanic (1943) wird üblicherweise als Propagandafilm gelabelt, allerdings scheint er das nicht so überzeugend gewesen zu sein, daß man ihn in Deutschland auch ins Kino brachte und bewarb. Er lief nur im besetzten Ausland, da man die Untergangsstimmung dann doch nicht als so förderlich im vierten Kriegsjahr empfand. Die Handlung ist streckenweise tatsächlich ein wenig plump. Der einzige wirklich verantwortungsbewußte Charakter auf dem Schiff ist natürlich ein deutscher Offizier, den es so gar nicht gab. Es waren zwar Deutsche unter der Besatzung, allerdings nicht in so hohen Rängen. Man muß allerdings auch sagen, daß dieser Grad an Geschichts-"Frisierung" bei gleichzeitig möglichst schlechter Darstellung bestimmter Nationalitäten objektiv betrachtet auch nicht so viel schlimmer ist als in vielen anderen Filmen. Ich denke da etwa an Filme wie Rocky IV oder Pearl Harbor.
Zu den künstlerischen Freiheiten gehört auch, daß die Kapelle, die während des Untergangs an Deck spielt, von fast unfreiwillig komischer Größe ist und sogar von einem Dirigenten geleitet wird. Oder daß die Zwischendeckler den großen Treppensaal stürmen und auf die erste Klasse prallen, um ihrer Sorge Ausdruck zu verleihen. Eine interessante Andeutung revolutionären Potentials.
Erstaunlich ist aus heutiger Sicht auch, daß sich James Cameron für seinen 1997er Blockbuster handlungstechnisch bei diesem Film teilweise inspiriert zu haben scheint. So gibt es etwa eine Szene, in der ein Dieb während des Untergangs eingesperrt wird und er dann - als das Wasser schon halb in der Zelle steht - mit Hilfe eines Beils befreit wird. Und der Diebstahl spielt eine Rolle als Mißverständnis in einer Dreiecks-Liebesgeschichte. Man sieht zudem eine ausgelassene Partyszene im Zwischendeck und einen Flirt in Liegestühlen auf Deck.
Bemerkenswert ist auch die Dramatik während des Abfierens der Rettungsboote, inklusive Liebender, die sich nicht trennen wollen, fast abrutschender Boote oder der subjektiven Perspektive aus dem sich absenkenden Boot. Dem als Perfektionisten geltenden Regisseur Herbert Selpin gelangen hier zum Teil Szenen und eine Atmosphäre, die über das Niveau eines reinen NS-Propagandavehikels hinausgehen und ihre Spuren in der späteren Filmgeschichte hinterließen - wofür er und der Film später auch einen Preis zahlen sollten.
Zu den positiven Aspekten gehören auch zum einen die Tricktechnik, die immerhin so gut war, daß man ganze vier Sequenzen eins zu eins im berühmten 1958er US-Film Die letzte Nacht der Titanic (A Night To Remember) einbaute - natürlich ohne Credits. Zum anderen werden hier einige Aspekte der Katastrophe angesprochen, die auch jenseits der sicher manipulativen Propaganda-Absicht interessant sind. Etwa das "Geisterschiff", das in einiger Entfernung immer wieder auftauchte, ohne zu helfen, die zwielichtigen wirtschaftlichen Aktivitäten der Superreichen an Bord - die in anderen Filmen gern als fast übermenschlich ritterliche Gentlemen romantisiert werden - und nicht zuletzt die Schuldfrage an dem fahrlässig in Kauf genommenen Tod von über 1600 Menschen. Der Untersuchungssausschuss nach dem Untergang interessiert die wenigsten Verfilmungen.
Die Geschichte hinter dem Film ist hier wie so oft tragischer als seine Handlung. Der Regisseur Herbert Selpin wurde noch während der Dreharbeiten wegen Kritik an der Wehrmacht und am Krieg - die ihm unter dem Druck der anstrengenden Dreharbeiten herausplatzte - von einem Freund denunziert und anschließend verhaftet. Man fand ihn später in seiner Zelle tot auf - erhängt an seinen Hosenträgern. Ob es wirklich Selbstmord oder Mord war, ist bis heute unklar. Ähnliche Morde fanden auf jeden Fall statt. Vielleicht waren die Synergien zwischen Titanic-Dreh und realen Entwicklungen aber auch zu stark. Immerhin wurde Selpin aus der Reichsfilmkammer ausgeschlossen, was einem Berufsbverbot gleichkam. Da er auch im Verhör nicht von seiner Kritik abrückte, kann man ihn so oder so als Opfer der NS-Diktatur sehen. Und ich finde, der Film verdient auch aus Respekt vor ihm Beachtung. Eine gewisse bittere Ironie hat es auch, daß die Cap Arcona, die hier die Titanic für Szenen an Deck doubelte, später von britischen Flugzeugen versenkt wurde, wobei 4600 KZ-Häftlinge ums Leben kamen.
Bei objektiver Betrachtung fällt bei dem Film nicht nur eine anti-britische Haltung auf, sondern auch eine kapitalismuskritische. Damit harmonierte er fast nahtlos mit der Sichtweise in sozialistischen Ländern. Insofern verwundert es nicht, daß er schon 1949 in der Sowjetunion anlief, und ein Jahr später in der DDR.
Mehr zum Film auch hier.
Die Schuldfrage thematisierte rund 40 Jahre später auch ein deutsches Fernsehspiel: Titanic - Nachspiel einer Katastrophe. Das aber inhaltlich auf wesentlich höherem Niveau. Mehr dazu in Teil 2 des Titanic-Specials.



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