Vor circa 30 Jahren passierte etwas, das in vieler Hinsicht heutige Entwicklungen vorausschattete. Anfang 1996 gewann erstmals ein Schachcomputer - Deep Blue von IBM - gegen einen amtierenden Weltmeister, den Russen Garri Kasparow. Kasparow hatte in den 1980er Jahren seine Überzeugung geäußert, nie von einem Computer besiegt werden zu können. Selbst ein Schachduell gegen "die Welt", das offen über das Internet geführt wurde und an dem sich jeder per Abstimmung beteiligen konnte, hatte Kasparow für sich entschieden. Später gab Kasparow an, die Niederlage gegen Deep Blue mit fast körperlichen Schmerzen erlebt zu haben.
Dieses vernichtende Gefühl, von einem Computerprogramm auf einem Gebiet überflügelt zu werden, von dem man immer geglaubt hat, daß es nur Menschen so möglich ist, steht einigen Experten zufolge fast jedem heute lebenden Menschen bevor. Seit das Internet von immer realer aussehenden Clips überflutet wird, bekommen viele so langsam eine Ahnung davon, wie es sich auf die Filmbranche auswirken wird. Der renommierte Drehbuchautor und Regisseur Paul Schrader, der Klassiker wie Taxi Driver oder Raging Bull geschrieben hat, sieht KI-Drehbuchsoftware jetzt schon auf mindestens demselben Niveau wie Menschen.
In den 1970er Jahren hätten es computergenerierte Filme vermutlich schwerer gehabt, real gefilmte zu verdrängen. Es gab Stars wie Meryl Streep, Al Pacino, Robert De Niro oder Dustin Hoffman, deren Schauspiel das Publikum liebte. Filme griffen komplexe Themen auf und setzten sie auf eine ebenso komplexe, anspruchsvolle Weise künstlerisch um. Werke wie Einer flog über das Kuckucksnest, Network, Uhrwerk Orange, Der Pate, Die Unbestechlichen, Die durch die Hölle gehen und viele, viele andere bewiesen, daß Spektakel und Anspruch, Cineastik und Popcorn, sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern Alltag sein können. Natürlich gab es mit Star Wars schon 1977 die Gegenbewegung, interessanterweise auch schon hier mit massiver Hilfe von computergesteuerten Effekten.
Aber selbst in den 1980ern hätte es ein drehbuchschreibender Deep Blue vermutlich nicht ganz so leicht gehabt wie heute. Es gab in jedem Jahr mehrere Blockbuster mit erfrischenden und teils verblüffenden Konzepten, die aus dem Stand jahrzehntelange Kulte und Franchises begründeten. Zurück in die Zukunft, Ghostbusters, Indiana Jones, E.T., Terminator, Stirb langsam und so viele mehr. Neben immer noch anspruchsvollen Großproduktionen wie Amadeus, Brazil, Blade Runner, Blue Velvet, Der Name der Rose, Das Boot, Platoon, und und und. Wahrscheinlich gilt das sogar noch für die 1990er, in denen der Markt für sogenannte Spec-Scripts boomte - ohne Auftrag geschriebene Drehbücher - und man mit einem Drehbuch wie Basic Instinct oder Speed auf einen Schlag Millionär werden konnte.
Was heute Künstliche Intelligenz genannt wird, ist im Grunde eine Kopiermaschine. Sie braucht Input und erzeugt aufgrund dieser Muster dann etwas. Und da trifft die KI in der heutigen Filmlandschaft sowie dem heutigen Publikum auf nahezu perfekte Umstände. Neue und innovative Ideen werden in der heutigen Filmindustrie nicht nur kaum beachtet, sie werden sogar systematisch abgewehrt. Produktionsfirmen haben sich völlig abgeschottet gegen talentierte Newcomer, ein Trend, der leider auch in Deutschland zunimmt. Für Nachwuchsautoren und -Regisseure eröffnet KI durch No-Budget-Realisierung hier vielmehr Möglichkeiten, als sie durch das Ende des elitären Systems verbaut.
Aber auch angekommene Autoren und Regisseure haben es mit einer Industrie zu tun, die Innovation regelmäßig als zu riskant abwehrt. Das Extrembeispiel der letzten Jahre war hier sicher die Fortsetzungsmaschine "Marvel Cinematic Universe", die sich durch ihre Output-Geschwindigkeit aber auch schnell ausgebrannt zu haben scheint. (Zumindest hoffe ich das.) Natürlich findet Innovation in Nischenbereichen nach wie vor statt, vor allem im Bereich Horror mit Beispielen wie The Substance oder Weapons. Im Bereich der sogenannten Tentpole-Filme oder Blockbuster ist sie aber sehr rar gesät. 2026 erwarten uns der dreizehnte Star-Wars-Film, der achtunddreißigste und neununddreißigste (!) Film der Marvel-Seifenoper, die jeweils fünften Filme der Panem- und der Toy-Story-Reihe sowie die dritten Teile der Neuverfilmungen von Jumanji und Dune. Hollywood wird mittlerweile von Managern regiert statt von Visionären, und diese Mentalität kann KI perfekt übernehmen.
Dazu kommt, dass klassisches Filmmaterial und analoge Kameras schon fast vollständig durch digitale Technik ersetzt wurden, und ein großer Teil heutiger "Dreharbeiten" eh schon rein virtuell stattfindet, mit der Greenscreen als Schnittstelle zum Schauspieler. Hier wurde der KI sozusagen schon der rote Teppich ausgerollt. Der klassische Marvel-Konsument wurde bereits so an digital erzeugte Bilder gewöhnt, daß sich die KI hier weniger Mühe geben muß als bei jemanden, der etwa Filme von Tarkovsky oder Bergman sieht. Da Computeranimation Puppen- und Zeichentrick schon fast vollständig verdrängt hat, ist eine komplette Generation bereits von frühester Kindheit an an diesen digitalen Look gewöhnt.
Auch im Bereich der Dramaturgie wurde vieles standardisiert und nivelliert. Wer die Tentpole-Filme der letzten Jahre studiert, bemerkt Wendepunkte an exakt denselben Zeitpunkten und baukasten-artig austauschbare Plot-Entwicklungen. Rette eine Katze im ersten Akt, lass den Schurken gefangen nehmen im Midpoint. Auch das ist für eine KI eine wesentlich dankbarere Ausgangsposition als etwa Filme wie Pulp Fiction oder Memento.
Last but not least kommt dazu auch eine ideologische Komponente. Irgendwann haben Produzenten festgestellt, daß man mit relativ billigen Mitteln viel Feuilleton-Wohlwollen bei gleichzeitig hohem Click- und Ragebait erzeugen kann, indem man einfach die kulturelle oder sexuelle Identität eines Charakters variiert. Die Zahl der möglichen Variationen ist endlos, und jede verspricht maximale Wellen im Fan-Kosmos. Auch hier wird sich jede KI grinsend die Hände reiben. Hautfarbe oder Aussehen eines Akteurs zu wechseln ist eine ihrer leichtesten Übungen. Und sie kann dabei wenig falsch machen, so lange es immer nur in eine Richtung geht.
Diese Jagd nach Trends, nach erfolgserprobten Konzepten, nach billigem Virtue-Signalling statt der originellen und provokanten Umsetzung von Themen, nach standardisierten, digitalisierten Konsumprodukten haben die Filmlandschaft in den letzten zehn Jahren bereits dermaßen entkernt, daß reine KI-Filme gar nicht mehr wirklich tief fallen können. Das Hollywood, dem ich wirklich hinterhertrauern würde, ist schon lange vor KI gestorben. Die aktuelle Industrie hat praktisch alle Filmreihen und Franchises, die mir mal etwas bedeuten haben, in Zombies verwandelt, die zwar laufen und laufen, aber innerlich längst tot sind. Warum sollte man ihr nachweinen? Daß eine Industrie, die John Connor und James Bond getötet hat, nun wahrscheinlich von Skynet terminiert wird, ist nicht ohne eine gewisse Ironie.
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