Dienstag, 24. Februar 2026

Die Spur des Bergadlers

Filmplakat "Der Bergadler" 1926
Der Thriller-Meister Alfred Hitchcock prägte den Begriff McGuffin für etwas, das wie ein Ball ins Spiel geworfen wird und die Spieler in Bewegung bringt, selbst aber so unwichtig ist wie der Ball als Gegenstand. Diese Art von Dramaturgie perfektionierte er in seiner rund fünfzigjährigen Regiekarriere immer mehr und inspirierte damit Generationen von Filmemachern. Berühmte Beispiele sind die Weinflaschen in NOTORIOUS, die 40.000 Dollar in PSYCHO oder sogar ein Volkslied in THE LADY VANISHES. Aber kann ein Film selbst zu einem McGuffin werden, zu etwas, hinter dem alle herjagen? 

Hitchcocks zweite Regiearbeit THE MOUNTAIN EAGLE (Der Bergadler, 1926), die er vor genau 100 Jahren in Österreich realisierte, hat das geschafft - wenn auch eher unfreiwillig. Doch wie kam es dazu?




Das Glashaus der Emelka-Studios
Wie der erste Film war auch THE MOUNTAIN EAGLE eine Zusammenarbeit zwischen der britischen Gainsborough Pictures und der Münchner Lichtspielkunst AG, kurz Emelka genannt. Obwohl die Handlung in Kentucky angesiedelt ist, wurde in den österreichischen Alpen gedreht. Die Innenaufnahmen entstanden wieder in den Emelka-Studios in Geiselgasteig bei München. 

Und wie beim Vorgänger ist auch hier die Entstehungsgeschichte spannender als die Filmhandlung selbst. Hitchcock suchte für das Heimat-Melodram einen möglichst abgeschiedenen und von hohen Bergmassiven umgebenen kleinen Ort. Fündig wurde er, als er eine Ansichtskarte in einem Münchner Geschäft sah: Sie zeigte das idyllische Bergdorf Obergurgl im Ötztal.

Unterkühlt in Obergurgl

Blick auf Obergurgl im Nebel
Obergurgl heute; die grauen Gebäude sind das Universitätszentrum
Mit dem Segen des Produzenten brach Hitchcock zusammen mit dem Kameramann nach Obergurgl auf - was vor hundert Jahren noch ein echtes Abenteuer war. Mit dem Zug ging es nur bis Innsbruck, weiter mußten sie von dort in einem offenen Fuhrwerk, was sieben Stunden dauerte. Als krönenden Abschluß mußten sie schließlich noch zwei Stunden zu Fuß durch die alpine Landschaft. Für den nicht gerade sportaffinen Hitchcock sicher eine Herausforderung. Trotzdem hielt ihn das nicht davon ab, noch einen kompletten Sack voller Zitronen mit sich zu führen, um in der Fremde nicht auf Limonade verzichten zu müssen, die ihm seine frisch angetraute Frau Alma Reville zubereitete.

Für den Transport einer kompletten Filmcrew samt Technik und Material war diese Abgeschiedenheit ein mittelschwerer Albtraum. Und so drehte man schließlich auch nicht in Obergurgl, sondern im 36 Kilometer entfernten Umhausen bei Sölden. Erschwert wurden die Dreharbeiten aber auch hier durch einen einsetzenden Schneefall, der nicht im Drehbuch vorgesehen war. Hitchcock improvisierte und bat die örtliche Feuerwehr, den Schnee mit einer Wasserpumpe wegzuspülen, auch von den Dächern. Mit dem Ergebnis, daß ein Dach nachgab und das entsprechende Haus einen Wasserschaden bekam. Hitchcock bot zwei Schilling Entschädigung, was die Hausbesitzerin mehr als zufrieden stellte.

Obergurgl in Tirol
Obergurgl im Gurgler Tal von oben
Dazu kam eine ständige Übelkeit bei Hitchcock, die er später auf den kehligen Dialekt der Obergurgler zurückführte, der ihm als Londoner wenig behagte. Im Ganzen hatten die Tiroler den Einfall von Hitchcock und seinem Team wohl eher weniger in guter Erinnerung. Die Zeiten von Ski- und Filmtourismus waren noch sehr weit entfernt. Umso ironischer ist, daß die Obergurgler heute auf ein Auftauchen des Films aus Publicity-Gründen hoffen. 

Ein deutscher Bösewicht

Die Geschichte des Films drehte sich um die Lehrerin Beatrice (dargestellt vom US-Stummfilmstar Nita Naldi), die von dem wohlhabenden Kaufhausbesitzer Pettigrew in Kentucky bedrängt wird. Als sie ihn abweist beschuldigt er sie, seinen behinderten Sohn belästigt zu haben. Dieser ist in sie verliebt. Sie wird von den aufgebrachten Dorfbewohnern in die Berge verjagt, wo sie der Einsiedler John Fulton rettet, der den Spitznamen Fürchtegott (Fear'o'God) trägt (was auch der Arbeitstitel des Films war sowie der Verleihtitel in den USA). 'Fürchtegott' Fulton wird gespielt vom Briten Malcom Keen, mit dem Hitchcock auch noch zwei weitere Filme drehte. In THE LODGER ist er ein eifersüchtiger Polizist, in THE MANXMAN ein Anwalt in einer Dreiecksbeziehung. Zwischen Pettigrew und Fulton schwelt ein offener Konflikt, da beide schon einmal in dieselbe Frau verliebt waren. Als sich Beatrice und Fulton verlieben und heiraten, spinnt Pettigrew eine neue Intrige und beschuldigt Fulton, seinen Sohn ermordet zu haben, nachdem dieser ausgebüxt ist. Fulton landet im Gefängnis, flüchtet zu seiner Familie, muß aber aufgrund der Krankheit ihres gemeinsamen Kindes in den Ort zurück. Dort kommt es zu einer finalen Konfrontation mit Pettigrew, bei der dieser angeschossen wird. Nachdem auch Pettigrews Sohn wieder auftaucht, gibt es für Beatrice und Fulton in Happy End. Insgesamt liest sich die Handlung, an der der deutsche Autor Max Ferner mit schrieb, eher wie ein deutscher Heimatfilm aus den 1950ern.

Bernhard Goetzke mit Alma Reville
Bernhard Goetzke und Alma Reville
Der Schurke des Films, Pettigrew, wurde von dem renommierten deutschen Stummfilm-Darsteller Bernhard Goetzke verkörpert, der vorher mit Ernst Lubitzsch (MADAME DUBARRY) sowie Fritz Lang gearbeitet hat, in DR. MABUSE, DIE NIBELUNGEN und DER MÜDE TOD. Goetzke war mit seiner hochgewachsenen Statur und seinem ernsten, durchdringenden Blick prädestiniert für böse oder mysteriöse Figuren. In meinem Hitchcock-Marathon habe ich als Ersatz für DER BERGADLER Langs DER MÜDE TOD gesehen, wo Goetzke den Sensenmann persönlich verkörpert, und kann das sehr empfehlen. Ein faszinierendes Mysterienspiel aus der Hochphase des deutschen Expressionismus. Goetzke begründete die Tradition deutschsprachiger Schurken bei Hitchcock, der später Peter Lorre, Walter Slezak oder Wolfgang Kieling folgen sollten.

Mit den Schwingen des Adlers

Premiere feierte der Film 1926 in Deutschland. Nicht in München, sondern im Berliner Premierentheater der Emelka, nahe des Anhalter Bahnhofs. Im Vereinigten Königreich kam er, wie Hitchcocks Debüt THE PLEASURE GARDEN (1925), erst zusammen mit seinem Durchbruch DER MIETER 1927 in die Kinos. Publikum und Kritiker nahmen ihn eher verhalten auf, auch wenn einige Kritiken Hitchcock immerhin bescheinigten, die kitschige Story einfallsreich auf die Leinwand gebracht zu haben. Tatsächlich ist es sogar der erste Hitchcockfilm, dem ein Kritiker eine "brilliante Regie" attestierte Heute gilt der Film als verschollen. Hitchcock selbst äußerte sich im Interview mit François Truffaut nicht gerade traurig über diesen Umstand. 

Auf der 'Most Wanted'-Liste des Britischen Filminstituts ist er der meistgesuchte Film der Welt. Damit wurde der Film selbst zu einem McGuffin, hinter dem Filmwissenschaftler aus aller Welt hinterherjagen. Immerhin fand man vor ein paar Jahren wenigstens ein paar Standfotografien. Ob der BERGADLER noch einmal auftauchen wird, ist - da er auf fragilem Nitratfilm gedreht wurde - wohl eher fraglich. Und damit bleibt auch die Frage offen, ob der Film schon das Genie des späteren Meisters aufweist, oder ob er sich - ganz wie ein echter McGuffin - als eher unwichtiges Objekt der Begierde erweisen würde.


Hitchcock und seine Crew bei Dreharbeiten in Österreich 
(
Photograph: Courtesy of the Academy of Motion Picture Arts and Sciences)

Ein Weihnachtsgruß der Emelka 1925. Rechts neben dem Schild zu sehen sind das frische Ehepaar Alfred Hitchcock
 und Alma Reville, rechts über Hitchcock Malcolm Keen und rechts unter ihm Bernhard Goetzke. 


Donnerstag, 5. Februar 2026

Ranking Steven Spielberg

Nach der chronologischen Besprechung aller Filme von Steven Spielberg (siehe hier und hier) folgt hier nun das obligatorische Ranking der 36 Filme. Auch wenn bei so einer Liste immer letzte Plätze zu besetzen sind, muß ich sagen, daß kein Spielberg-Film - am wenigsten auf handwerklicher Ebene - wirklich mißlungen oder gar schlecht ist. Selbst die Filme, die ich weiter hinten platziert habe, weil mir andere einfach besser gefallen, hatten mindestens eine Szene, die ich beeindruckend fand. Deshalb war es insgesamt eine Werkschau, die durchweg Spaß gemacht und meinen Respekt vor Spielberg noch vergrößert hat. 

Auf das Ranking folgt noch eine Liste meiner Lieblingsszenen aus dem Spielberg-Kosmos.

Mittwoch, 31. Dezember 2025

2025 - Eine Bilanz

Mit dem ausklingenden Jahr 2025 hier einmal eine kleine persönliche Bilanz. Als Filmjahr empfand ich 2025 eher durchschnittlich. Es gab von den aktuellen Filmen keinen, der mich hundertprozentig überzeugt und begeistert hat. Dafür aber immerhin einige Filme, die recht gelungen und unterhaltsam waren. Und das ist schon mal mehr, als man von anderen Jahren der jüngeren Filmgeschichte sagen kann. Insgesamt habe ich ziemlich genau 150 Filme gesehen, und 10 verschiedene Serien. Das sind 20 Filme mehr als 2024, und sogar ca. 60 mehr als 2023. Ein Jahr, eine Abrechnung.

Sonntag, 28. Dezember 2025

Steven Spielberg - Eine Retrospektive (Teil 2)

1997 bis 2021 

Nach den Jahren 1968 und Amblin' bis 1997 und The Lost World: Jurassic Park folgt hier nun der zweite Teil von Amistad bis in die Gegenwart und The Fabelmans

(Aktualisiert)




Donnerstag, 18. Dezember 2025

Steven Spielberg - Eine Retrospektive

Teil 1: 1968 bis 1997

Steven Spielberg DVD-Box und Buch
Am 70. Geburtstag von Steven Spielberg - am 18. Dezember 2016 - hatte ich eine chronologische Retrospektive mit allen Filmen des Star-Regisseurs begonnen, die ich in diesem Jahr, mit einigen längeren Unterbrechungen, beendet habe. Heute, an seinem 79. Geburtstag, möchte ich hier mal diese Reihe von Besprechungen seiner Filme teilen. Passend auch anlässlich des Teaser-Trailers zu seinem neusten Werk DISCLOSURE DAY, der 2026 startet, und mit dem Spielberg zu seinen Science-Fiction-Ursprüngen zurückkehrt.

Spielberg verdanke ich einige der prägendsten Kino- und TV-Momente überhaupt. E.T. DER AUSSERIRDISCHE und UNHEIMLICHE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART hatte ich als Kind im örtlichen Kino meiner Kleinstadt gesehen. Zusammen mit STAR TREK - DER FILM haben diese Filme meine Liebe zum Kino, zu Science-Fiction und zu Spezialeffekten maßgeblich verursacht. DER WEISSE HAI war einer meiner ersten Horrorfilme im Fernsehen - spätabends bei einem Onkel, der elterliche Verbote mit der Ansage "Jetzt wollen wir erstmal Blut sehen" unterlief. Und JURASSIC PARK schließlich hatte nach dem großen Kinosterben der Wendezeit den regelmäßigen Lichtspielbesuch wieder fest etabliert. 

Obwohl einige Filme im Zuge der chronologischen Sichtung fast reine Pflichtübungen waren, die ich etwas vor mich herschob, muss ich doch sagen, das alle Spielberg-Filme handwerklich äußerst beeindruckende Werke sind, und er auf der rein technischen Ebene keinen einzigen schlechten Film abgeliefert hat. 

Sonntag, 30. November 2025

100 Jahre Hitch

Vor hundert Jahren - im November 1925 - durfte erstmals ein Publikum einen Film von Alfred Joseph Hitchcock bestaunen. Bemerkenswerterweise war es ein deutschsprachiges Publikum, denn die Weltpremiere fand in München statt, und vorerst nur dort. Um für Irrgarten der Leidenschaft (The Pleasure Garden) genug Geld aufzutreiben, arbeitete Produzent Michael Balcon mit der deutschen Produktionsfirma Münchner Lichtspielkunst (Emelka) in München zusammen, die später zur Bavaria Film wurde. Dementsprechend wurden die Innenaufnahmen in den Emelka-Studios in Geiselgasteig gedreht - weshalb Hitchcock auch deutsch sprach und später sogar einen Film auf deutsch drehte.

Anläßlich dieses Jubiläums starte ich hier eine Hitchcock-Retrospektive, die sich allen seinen 52 Filmen widmen soll. (Eigentlich sind es 53, aber The Mountain Eagle von 1926 gilt leider als verschollen.) Bei vielen davon habe ich auch die literarische Vorlage gelesen und werde Buch und Film miteinander vergleichen. Oft lohnt sich auch ein Blick auf spätere Verfilmungen dieser Stoffe, da sie sich teilweise enger an das Original hielten, während Hitchcock sich von deren Geschichten meistens nur lose inspirieren ließ. Ein Grund, warum viele Autoren - wie Daphne Du Maurier oder William Somerset Maugham - von seinen Verfilmungen nicht nur begeistert waren. 

Ein Hitchcock-Marathon ist gleichzeitig auch eine Zeitreise durch die Filmgeschichte und durch das Goldene Zeitalter des Kinos. Angefangen von den frühen Stummfilmen, dem Aufkommen von Ton, dann Farbe, Film Noir, dem 3D-Boom der 1950er und schließlich dem New Hollywood. In diesem Sinne: Auf Hitch! 

Samstag, 15. November 2025

Der Kinostalgiker sagt Hallo!

Willkommen beim Kinostalgiker! Wie der Name schon sagt, soll es hier vor allem um ältere Filme gehen. Der Zeitrahmen reicht dabei von den Anfängen des Mediums Film bis etwa zu den 2010ern. Gedanken zu aktuellen Filmen und Entwicklungen sind natürlich trotzdem kein Tabu. Dieser Blog ist mein zweiter nach Bond & Beyond, der sich dem britischen Agenten und dem Spionagegenre widmet(e). Aber während die Begeisterung für den ehemaligen Superagenten etwas verblasst ist, ist dafür die Faszination für diese gigantische Schatzkiste voller noch zu entdeckender Perlen gewachsen, die die Filmgeschichte darstellt. Ob dieses zunehmende Interesse für den Glamour und die Kunst des Goldenes Zeitalters des Kinos mit einer real nachlassenden Qualität zeitgenössischer Filme zu tun hat, oder doch eher eine oft belächelte und verspottete Eigenart älter werdender Männer ist, möchte ich an dieser Stelle offen und dem Leser zu bewerten lassen.

In diesem Sinne: Licht aus, Vorhang auf, Film ab!

Die Spur des Bergadlers

Der Thriller-Meister Alfred Hitchcock prägte den Begriff McGuffin für etwas, das wie ein Ball ins Spiel geworfen wird und die Spieler in Be...