Hitchcocks zweite Regiearbeit THE MOUNTAIN EAGLE (Der Bergadler, 1926), die er vor genau 100 Jahren in Österreich realisierte, hat das geschafft - wenn auch eher unfreiwillig. Doch wie kam es dazu?
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| Das Glashaus der Emelka-Studios |
Und wie beim Vorgänger ist auch hier die Entstehungsgeschichte spannender als die Filmhandlung selbst. Hitchcock suchte für das Heimat-Melodram einen möglichst abgeschiedenen und von hohen Bergmassiven umgebenen kleinen Ort. Fündig wurde er, als er eine Ansichtskarte in einem Münchner Geschäft sah: Sie zeigte das idyllische Bergdorf Obergurgl im Ötztal.
Unterkühlt in Obergurgl
| Obergurgl heute; die grauen Gebäude sind das Universitätszentrum |
Für den Transport einer kompletten Filmcrew samt Technik und Material war diese Abgeschiedenheit ein mittelschwerer Albtraum. Und so drehte man schließlich auch nicht in Obergurgl, sondern im 36 Kilometer entfernten Umhausen bei Sölden. Erschwert wurden die Dreharbeiten aber auch hier durch einen einsetzenden Schneefall, der nicht im Drehbuch vorgesehen war. Hitchcock improvisierte und bat die örtliche Feuerwehr, den Schnee mit einer Wasserpumpe wegzuspülen, auch von den Dächern. Mit dem Ergebnis, daß ein Dach nachgab und das entsprechende Haus einen Wasserschaden bekam. Hitchcock bot zwei Schilling Entschädigung, was die Hausbesitzerin mehr als zufrieden stellte.
| Obergurgl im Gurgler Tal von oben |
Ein deutscher Bösewicht
Die Geschichte des Films drehte sich um die Lehrerin Beatrice (dargestellt vom US-Stummfilmstar Nita Naldi), die von dem wohlhabenden Kaufhausbesitzer Pettigrew in Kentucky bedrängt wird. Als sie ihn abweist beschuldigt er sie, seinen behinderten Sohn belästigt zu haben. Dieser ist in sie verliebt. Sie wird von den aufgebrachten Dorfbewohnern in die Berge verjagt, wo sie der Einsiedler John Fulton rettet, der den Spitznamen Fürchtegott (Fear'o'God) trägt (was auch der Arbeitstitel des Films war sowie der Verleihtitel in den USA). 'Fürchtegott' Fulton wird gespielt vom Briten Malcom Keen, mit dem Hitchcock auch noch zwei weitere Filme drehte. In THE LODGER ist er ein eifersüchtiger Polizist, in THE MANXMAN ein Anwalt in einer Dreiecksbeziehung. Zwischen Pettigrew und Fulton schwelt ein offener Konflikt, da beide schon einmal in dieselbe Frau verliebt waren. Als sich Beatrice und Fulton verlieben und heiraten, spinnt Pettigrew eine neue Intrige und beschuldigt Fulton, seinen Sohn ermordet zu haben, nachdem dieser ausgebüxt ist. Fulton landet im Gefängnis, flüchtet zu seiner Familie, muß aber aufgrund der Krankheit ihres gemeinsamen Kindes in den Ort zurück. Dort kommt es zu einer finalen Konfrontation mit Pettigrew, bei der dieser angeschossen wird. Nachdem auch Pettigrews Sohn wieder auftaucht, gibt es für Beatrice und Fulton in Happy End. Insgesamt liest sich die Handlung, an der der deutsche Autor Max Ferner mit schrieb, eher wie ein deutscher Heimatfilm aus den 1950ern.
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| Bernhard Goetzke und Alma Reville |
Mit den Schwingen des Adlers
Premiere feierte der Film 1926 in Deutschland. Nicht in München, sondern im Berliner Premierentheater der Emelka, nahe des Anhalter Bahnhofs. Im Vereinigten Königreich kam er, wie Hitchcocks Debüt THE PLEASURE GARDEN (1925), erst zusammen mit seinem Durchbruch DER MIETER 1927 in die Kinos. Publikum und Kritiker nahmen ihn eher verhalten auf, auch wenn einige Kritiken Hitchcock immerhin bescheinigten, die kitschige Story einfallsreich auf die Leinwand gebracht zu haben. Tatsächlich ist es sogar der erste Hitchcockfilm, dem ein Kritiker eine "brilliante Regie" attestierte Heute gilt der Film als verschollen. Hitchcock selbst äußerte sich im Interview mit François Truffaut nicht gerade traurig über diesen Umstand.
Auf der 'Most Wanted'-Liste des Britischen Filminstituts ist er der meistgesuchte Film der Welt. Damit wurde der Film selbst zu einem McGuffin, hinter dem Filmwissenschaftler aus aller Welt hinterherjagen. Immerhin fand man vor ein paar Jahren wenigstens ein paar Standfotografien. Ob der BERGADLER noch einmal auftauchen wird, ist - da er auf fragilem Nitratfilm gedreht wurde - wohl eher fraglich. Und damit bleibt auch die Frage offen, ob der Film schon das Genie des späteren Meisters aufweist, oder ob er sich - ganz wie ein echter McGuffin - als eher unwichtiges Objekt der Begierde erweisen würde.
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| Hitchcock und seine Crew bei Dreharbeiten in Österreich (Photograph: Courtesy of the Academy of Motion Picture Arts and Sciences) |









